Politik, KulturMontag, 29. August 2011, 18:31 Uhr· von: Mattia Rosini

"Wer ist hier Muslim?"

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Das Ramadan ist fertig. Die Nächte des Ramadan noch nicht. Während des Festival, hat Professorin Riem Spilehaus (Dozentin an der Universität Kopenhagen und an der Humboldt-Universität zu Berlin im Bereich Islamwissenschaften) im Pergamon Museum ihr neues Buch eingeführt. Wir haben sie interviewt.

Die muslimische Bevölkerung Berlins ist bei ein hundert sechzig tausend geschätzt. Das heisst neun Prozent der gesamte Bevölkerung. Wie viele Muslime leben in ganz Deutschland? Geht es um eine alte Einwanderung? Ich denke, es gibt viele zweite Generationen: wie ist seine Integration?

Zunächst einmal muss man sehr vorsichtig sein mit den Schätzungen zu Musliminnen und Muslimen in Deutschland. Für Berlin haben wir keine detaillierte Schätzung, die vorliegende basiert auf den Herkunftsländern. Es ist also die Schätzung von Personen mit Migrationshintergrund aus Ländern mit muslimischer Mehrheit. Darunter sind jedoch auch Menschen, die sich keiner Religionsgemeinschaft zugehörig fühlen, Christen, Juden und Yeziden um nur einige grosse Gruppen zu nennen. Eine grosse Befragung in Deutschland hat herausgefunden, dass beispielsweise nur etwas mehr als 40 Prozent der aus Iran stammenden Personen sich selbst als Muslime betrachten. die anderen gehörten anderen Gruppen an oder wollen mit Religion nichts mehr zu tun haben. Diese Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) schätzt die Anzahl von Muslimen in Deutschland auf 3,8-4,2 Millionen. Für Berlin haben wir aber leider keine solche Schätzung, die die Selbsteinschätzung der Personen als Grundlage nimmt.

Was uns die repräsentative Deutschlandweite Erhebung zeigt ist, dass längst nicht alle Migranten aus muslimischen Ländern Muslime sind und ausserdem wissen wir, dass nicht alle Muslime Migranten sind. Die zum Islam übergetretenen Personen haben mittlerweile auch Kinder und Enkel und so findet man in Moscheen viele Personen, die keinen Migrationshintergrund haben und mit dem islamischen Glauben aufgewachsen sind.

In der Debatte um Islam in Europa werden Muslime als Migranten wahrgenommen. Das führt dazu, dass in politischen Diskussionen und den Medien sowie auch der Forschung häufig über sie als zu integrierende Personen gesprochen wird. Ich bin jedoch der Meinung, dass wir gerade diesen Ansatz hinterfragen müssen und differenzieren zwischen den Themen Migration und Integration auf der einen und Religion auf der anderen Seite. Eine Vermischung der beiden fuehrt zu Stigmatisierung und kann so Integration und Zugehoerigkeit von Muslimen behindern.

Gibt es eine Muslime frage? Ist es genug was von der Regierung (Bundes und Landes) für die Integration gemacht wird?

Das gilt genauso für die Arbeit der Regierung. Auch hier würde ich (so wie viele Regierungsvertreter) Migrations-und Religionspolitik unterscheiden.

Die Bundesregierung hat im Jahr 2006 unter Angela Merkel mehre langfristige Projekte in beiden Politikbereichen begonnen. Dazu zählen der Integrationsgipfel und die Deutsche Islamkonferenz. Die wirkliche konkrete Arbeit erfolgt allerdings auf Landesebene, wo konkrete Gesetze erlassen werden können und lokale Projekte und Massnahmen umgesetzt werden. In Berlin tagt seit 2005 regelmäßig das Islamforum, in dem Vertreter der Berliner Verwaltung inklusive Senatoren (im Rang von Ministern), Quartiersmanagern und Muslimischen Vertreter, zusammen treffen.

2010 wurde dort die neuen Bestattungsregelungen vorgestellt, die es Muslimen erlauben, ihre Toten nach islamischen Vorschriften in Berlin zu beerdigen und nicht mehr in die "Heimat" zurückführen zu lassen. Das ist natürlich besonders wichtig für diejenigen, die gar keine solche Heimat haben, nicht in sie zurückreisen können, weil sie Flüchtlinge sind oder einfach hier so heimisch geworden sind, dass sie die Gräber ihrer Toten in der Nähe haben wollen.

Insofern können Religions- und Integrationspolitik einander überschneiden. So auch bei der Weiterbildung von Imamen, die vom Islamforum Berlin mit Unterstützung der Bundesregierung organisiert wurde. Dort wurden Imame und Seelsorgerinnen unterstützt mehr über verschiedene Aspekte es Lebens in Deutschland zu erfahren, damit sie Jugendliche besser beraten konnten und ihnen Hinweise fuer die Berufswahl geben, damit sie Familien in Konfliktsituationen unterstützen können und vieles mehr.

Fragen der Integration sind in den vergangenen zehn Jahren wirklich an eine prominente Stelle in der Politk und gesellschaftpolitischen Diskussionen gekommen, so das sehr viel geschieht in diesen Bereichen. Allerdings gibt es einen neuen Trend unter jungen Töchtern und Enkeln von Migranten und von solchen ohne Migrationshintergrund, die sagen, der Hintergrund ist nicht entscheidend, wir müssen neue bestimmen, was es bedeutet, Deutsch zu sein. Die Initiative "Deutsch Plus" setzt sich beispielsweise dafür ein. Sie plädieren dafuer, Deutschland als Ort der Vielfalt hinsichtlich Aussehen, Herkunft und Religion anzuerkennen. Maßnahmen in einer Gesellschaft, die durch Migration geprägt ist, müssen benachteiligte ohne Migrationshintergrund genauso wie solche, die eingewandert sind ansprechen. Das scheint ein Schritt zu sein, der heute noch etwas schwierig ist.

Gibt es eine „Muslimische-deutsche-identität“? Ich meine, nicht französisch oder englisch, sondern richtige deutsch? Und warum nicht, oder warum ja?

Muslimisch-deutsche Identitäten gibt es auf jeden Fall. Das ist ein Thema in meinem Buch "Wer ist hier Muslim?". Viele Muslime fragen, warum das für Journalisten und Politiker manchmal schwer scheint nachzuvollziehen, dass man kein Problem haben könnte, muslimisch zu sein und deutsch, das eine als seine Religion anzusehen und das andere als seine Nationalität. Aber in öffentlichen Debatten wird häufig von einem "wir" und "ihr" bzw. "die anderen" ausgegangen, das die Polaritäten zwischen Deutschsein und Muslimsein sieht. Dazu hat der Schriftsteller und Islamwissenschaftler Navid Kermani einmal geschrieben: „Es ist der Eindruck, niemals dazugehören zu können – niemals gemeint zu sein, wenn ein Staatsführer oder ein Fernsehkommentator sagt: ,wir‘.“ Dagegen wehren sich viele Musliminnen und Muslime in Deutschland. Gerade Jüngere unter ihnen gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass sie natürlich beides sind. In Deutschland geborene, aufgewachsene und natürlich Deutsche und außerdem muslimischen Glaubens.

Im dominanten Diskurs ist aber häufig vom Dialog zwischen Muslimen und Deutschen die Rede, oder was Deutsche über Muslime denken oder andersherum. Und wieder brachte Navid Kermani es auf den Punkt indem er sagte, wenn Muslim und Deutsche in Dialog treten sollten, dann müssten ja um die 4 Millionen Menschen mit sich selbst sprechen. Die Wahrnehmung von Gegensätzlichkeiten, wenn es um Muslimsein und Staatsbürger eines europäischen Landes sein geht, stecken also an vielen Stellen versteckt. Und so geht es Musliminnen und Muslimen nicht selten so, als würden sie abgelehnt und ihr Zugehörigkeitsempfinden, ihre Loyalität nicht wahrgenommen und nicht gewertschätzt

Was die deutsche denken über die Muslime, und wie leben sie mit ihnen? Gibt es unterschied zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart?

Nun, ehrlich gesagt ist das nicht mein Spezialgebiet. Dazu gibt es Erhebungen. Zum Thema Integration hat der Integrationsbarometer des Sachverständigenrats Migration und Integration festgestellt, dass die Mehrheit sowohl der Migranten als auch der Nichtmigranten Integration vorwiegend als erfolgreich einschätzen. Die Meinung an der Basis ist also weitaus offener gegenüber Migration und positiver in Bezug auf Integration als beispielsweise in den meisten Mediendarstellungen.

Es gibt aber auch Umfragen, die zeigen dass seit 2003 die Ablehnung gegenüber Muslimen und Islam steigt. Das zeigten eine Langzeit-Umfrage des Sozialforschers Stefan Heitmeyer (jedes Jahr werden dieselben Fragen gestellt) und eine Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung. In den vergangenen zwei Jahren wuchs auch die Zahl der Brandanschläge auf Moscheen in Deutschland. In Berlin machte ein Einzeltäter im Jahr 2010 allein 11 Versuche verschiedene Moscheen in Brand zu setzen.

Und dennoch muss man auch feststellen, das die Zahl der Ehen zwischen Deutschen und Türken steigt. Und wieder muss man auch sagen, dass viele Muslime auch Deutsche sind, und damit die Frage eine Differenz aufmacht, die in der Realität gar nicht bestehen muss.