PolitikSonntag, 05. April 2009, 17:29 Uhr· von: Nicolas Flessa

Verworrene Geister

Article_bundesversammlung

Normalerweise ist die Wahl des Bundespräsidenten eine recht trockene Angelegenheit. Feierlich, natürlich, doch als Herbeiführung eines verabredeten und Teilnehmern wie Zuschauern bereits im Vorfeld bekannten Ergebnisses ist sie ungefähr so aufregend wie Volksentscheide in Hitlerdeutschland oder Volkskammerwahlen in der DDR.

Das Superwahljahr 2009 dürfte da eine Ausnahme bilden. Schon im Vorfeld bot diese Wahl ausreichend Stoff für Unterhaltung: Galt der amtierende Präsident lange ob seiner schwarz-gelb-roten Mehrheit als alternativlos, war es der Aufsässigkeit der Sozialdemokraten zu verdanken, dass mit Gesine Schwan wieder Bewegung in die Sache geriet. Erneut schien sich eine Stichwahl nach alten politischen Mustern anzubahnen: schwarz-gelber Kohlenmann gegen rot-rot-grünen Schwanensee. 

Dem erklärten Unwillen der Professorin, sich - wie 2004 - von dunkelroten Genossen mitwählen zu lassen, ist es zu verdanken, dass diese im Herbst ihren eigenen Kandidaten aufs Schild hoben (Carpe berichtete) und somit die Chance, den von ihnen ungeliebten, wirtschaftsnahen Präsidenten zu stürzen, gleichsam mit vernichteten.

Nach den Wahlen in Bayern und Hessen und einer raffinierten gemeinsamen Liste von Roten und Grünen in Bayern wurde es dann wieder etwas enger für Köhler.

Und da sich Geschichte - gerade an ihren Rändern - wiederholt wie eine Schallplatte mit Sprung, verwundert es kaum, wenn man heute erfährt: Köhlers erklärtem Unwillen, sich von braunen Sympathisanten mitwählen zu lassen, ist es zu verdanken, dass diese nun ihren eigenen Kandidaten aufs Schild gehoben haben: statt Alt-Kommissar Peter Sodann (Linke) nun also ein Jung-Sänger, zackig national und ein bisschen vorbestraft: Frank Hennicke.

Sollte es den drei Wahlmännern der NPD in einem rhetorischen Blitzkrieg gelingen, mehr als die Hälfte der 1.224 Stimmen hinter ihrem nationalen Barden zu versammeln,  könnte sich das Land schon einmal auf eine neue Hymne freuen. Frank Hennicke hat nämlich bereits einen alternativen Text für das national amputierte Deutschlandlied entworfen:

"Land der Liebe, Land des Schönen, / Land des Schaffens und der Kraft. / Land in Trümmern und voll Stöhnen, / Land in Ängsten und der Schlacht. / Trotz dem Hohn des Erdenballes, / Trotz dem Hass, der Dich umgibt: Deutschland, Deutschland über alles, über alles sei geliebt.

Heilig Land der hohen Meister, / Land der Weisheit und der Kunst. / Neblig Land verworrener Geister, / Land in blutig rotem Dunst. / In der Tiefe deines Fallens, / sei dein Weizen neu gesät: Deutschland, Deutschland über alles, über alles sei geliebt....."

In Anbetracht der Tatsache, dass der Kandidat der Linken die Bundesrepublik nach eigenen Aussagen nicht für eine Demokratie hält und der Kandidat der Rechten den Begriff Bundesbürger in seinem Oeuvre im Sinne eines Schimpfworts verwendet, sollten wir uns die diesjährige Bundesversammlung auf keinen Fall entgehen lassen.

So viel Bundesvision Songcontest war nie im Berliner Reichstag. Und wer weiß, wozu dies neblig Land verworrner Geister im Superwahljahr so alles fähig ist.



Related Articles

ruinenrede
PolitikMittwoch, 25. März 2009, 03:51 Uhr· von: Nicolas Flessa

Aufgestanden in Ruinen!

Köhlers Ruinenrede ist kaum verklungen, da stürzen sie sich schon wie die Aasgeier auf ihn, die Journalisten von rechts wie von links, und bemängeln das fehlende Profil des Bundespräsidenten bei seiner vierten "Berliner Rede" in der Elisabethkirche.

NPD-Demo in Berlin zum 60. Jahrestag der Beendigung des II. Weltkrieges
PolitikFreitag, 02. Oktober 2009, 11:28 Uhr· von: Olaf Sundermeyer

Menschenfischer mit Weltnetz

Natürlich nutzen Rechtsextremisten massiv das Internet, das sie selbst „Weltnetz“ nennen. Dort können sie freier agitieren als in anderen Medien. Selten werden ihnen Grenzen gesetzt. Deshalb kommt ihnen die Debatte um größtmögliche Freiheit im Netz entgegen.

NPD-Demo in Berlin zum 60. Jahrestag der Beendigung des II. Weltkrieges
PolitikMittwoch, 04. November 2009, 15:20 Uhr· von: Olaf Sundermeyer

NPD: Hauptstadt ohne Macht

Der NPD-Vorsitzende Udo Voigt verliert mit seinem verstorbenen Stellvertreter Jürgen Rieger seinen wichtigsten Alliierten: Der wohlhabende Anwalt stützte Voigt während des Finanzskandals der Partei. Nun fehlt die Stütze. Voigt steht wieder in Frage, und die NPD vor einem heftigen Flügelkampf.

Bundespräsident Joachim Gauck
PolitikFreitag, 22. Februar 2013, 14:16 Uhr· von: Nicolas Flessa

Weit mehr als ein Lippenbekenntnis

Die Rede des Bundespräsidenten zu Europa ist lange mit Spannung und Skepsis erwartet worden. Würde es dem alten Freiheitskämpfer Gauck gelingen, die Zukunft der bedrohten Gemeinschaft überzeugend anzufeuern? Wir meinen: Es ist ihm gelungen!