LebenFreitag, 29. August 2008, 10:00 Uhr· von: Andreas Mix

Unknown Wedding: Frischgezapftes Bier und Fußball

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Der Wedding kommt, verkünden die einschlägigen Stadtmagazine turnusmäßig. Jenseits der Atelierghettos in den Gerichtshöfen ist der Wedding jedoch von einem Szenebezirk so weit entfernt wie die Rütli-Schule von der Harvard University. Dennoch gibt es hier einige Orte, die sich auch für Besucher aus Wilmersdorf oder Charlottenburg lohnen. Einer davon ist die Hausbrauerei Eschenbräu in der Triftstrasse. Von den Gerichtshöfen aus muss man bloß den Nettelbeckplatz überqueren, das frühere Herz des Roten Weddings, wo sich bei schönem Wetter Vokahilatragende Herthafans mit Schultheiss und Futschi aus dem „Alten Nettelbecker“ auf das nächste Heimspiel ihrer Mannschaft einstimmen, und schon erreicht man die Triftstrasse. Die Brauerei liegt etwas versteckt in einem Hof zwischen den Wohnheimen der Bürgermeister-Reuter-Stiftung. Die Gaststätte, im Keller eines Wohnheims, ist mit allerlei Devotionalien für Bierfans ausgestattet: An den weiß gekalkten Wänden hängen Säcke für Braugerste und alte Werbeplakate, auf denen die gesundheitsfördernde Wirkung von Bier gepriesen wird („‘Bier beruhigt die Nerven und ist gesünder als Schlaftabletten’, sagt der Hausarzt“); in den Vitrinen stehen Siphons und Krüge. Die Namen der Stammgäste sind auf Messingschilder an der Theke graviert. Für Raucher gibt es einen selbstgezimmerten, wettergeschützten Verschlag neben dem Eingang in Reichweite des Zapfhahns. Wer hier den Chic einer Szenekneipe sucht, der sollte schleunigst mit der U6 vom nahen Leopoldtplatz nach Mitte fahren.
Der beste Platz, um die köstliche Weddinger Spezialität zu genießen, ist der Biergarten. Dort sitzt man im Sommer unter einer mächtigen Eiche, lauscht dem Cellospiel oder Berliner Hip-Hop aus den umliegenden Wohnheimen und blickt auf die kupfernen Braukessel. In ihnen entsteht das Eschenbräu, das Werk des diplomierten Brauingenieurs Martin Eschenbrenner. Der 36-jährige Karlsruher ist „Brauer aus Leidenschaft“ und seit 1995 im Wedding verwurzelt. Bereits 2001 gründete er die Hausbrauerei, die heute einen Ausstoß von 500 Hektolitern hat und vier Berliner Kneipen beliefert, sogar jenseits der Weddinger Bezirksgrenze. Drei Biersorten werden im Eschenbräu in Gläsern mit dem Konterfei von Eschenbrenner ausgeschenkt: Ein unfiltriertes Pils, ein Dunkles, das einen leicht malzigen Geschmack hat, und ein Weizen mit fruchtiger Note. Daneben gibt es monatliche Saisonbiere: Vom Alt- bis zum Rauchbier, vom Bock bis zum Bayerischen Hellen reicht die Palette. Darunter sind auch Eigenkreationen wie Schwarze Molle und Roter Wedding („Der Knaller“), eine Reminiszenz an den alten Arbeiterbezirk. Zu den hausgemachten Spezialitäten gehört außerdem der 45%-ige Bierbrand, der aus dem dunklen Bockbier destilliert wird, und selbstgepresster Apfelsaft. Um die Äpfel aus Malchow zu verarbeiten, soll bis zum Herbst eine Presse und auch Obstbrennerei neben dem Schankraum errichtet werden.
Das Publikum im Eschenbräu ist unaufgeregt gemischt. Die Stammkundschaft besteht aus alteingesessenen Weddingern und Studenten aus den angrenzenden Wohnheimen. Dabei fallen besonders die Koreaner auf, die im Sommer ganze Tische belagern und ihre deutsche Landeskunde beim Weizenbiertrinken erweitern. Während der letzten Fußball-WM, als im kleinen Kino oberhalb der Gaststätte die Spiele zu sehen waren, wurde das Eschenbräu zum inoffiziellen Treffpunkt der koreanischen Fans.


Brauerei Eschenbräu
Triftstraße 67
13353 Berlin-Wedding
Tel. 030 / 462 68 37
http://www.eschenbraeu.de/



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