Stadtgeschichte, ArchitekturMontag, 10. Dezember 2007, 17:32 Uhr· von: Albert Pank

Prenzlauer Berg - Generelle Einführung

Article_helmholtzplatz

Der vormalige Arbeiterbezirk hatte zu DDR-Zeiten teilweise den Ruf eines Oppositionellen- und Literaten-Viertels. Die Häuser aus der Gründerzeit, welche das Gesicht des Kiezes prägen, sind heute das Pfand schlechthin, wenn es darum geht, mit dem Wohnwert zu wuchern. Vor nicht langer Zeit waren ganze Straßenzeilen in einem beklagenswerten Zustand (dafür aber die Wohnungen noch billig).

Wollte man eine erste Kartographie mit informellen, aber sinnfälligen Begriffen anstellen, sähe diese wie folgt aus:
Wir haben da den südlichen Hauptkiez 1 (mit seinem „Wahrzeichen“, dem Wasserturm und dem Kollwitzplatz), der etwa an der Metzer Straße anfängt und bis zur Danziger Straße geht; der nördliche Hauptkiez 2 (mit dem „Epizentrum“ Helmholtzplatz) beginnt auf der gegenüberliegenden nördlichen Seite der Danziger und erstreckt sich bis zur S-Bahn-Linie. Die Prenzlauer und die Schönhauser Allee fassen den Kiez ein.
Daneben gibt es Seitenkieze, wie das Bötzowviertel, das Gleimviertel sowie die Gegend um die Kastanienallee, welche gewissermaßen einen Sonderstatus haben.
Ferner bleiben Satelliten-Kieze, denen man noch nicht mal einen Namen verpasst hat - sie können sich noch Prenzlauer Berg schimpfen (wenn man denn Wert drauf legt, damit anzugeben), hier spielt aber keine Musik, hier wird gewohnt.
Das alles mag den Charme von Planquadraten haben und übertrieben sophisticated wirken, ist aber für die erste Orientierung sinnvoll.

Nach der Wende war die Gegend um den Kollwitzplatz die erste, die sich herausputzte. Hardcore Prenzlauer Berger behaupteten gar irgendwann, die Gegend sei „tot“ und zur Kulisse für Reisebus-Touristen degeneriert. Tatsächlich ist heute kaum vorstellbar, dass zu DDR-Zeiten die heute bonbonfarben getünchte Rykestraße als die heruntergekommenste Meile im ganzen Viertel galt.

 

Die Gegend um den Helmholtzplatz hinkte da lange beträchtlich hinterher; sie galt lange Zeit als extrem rau.

Spätestens die Sanierung und Umgestaltung des verwilderten Platzes um das Jahr 2000 herum war das Fanal, dass die Sanierungswelle auch über die Danziger Straße schwappte.
Das Café Wohnzimmer in der Lettestraße direkt am Platz war (noch vor der Sanierung) der erste starke Magnet in dieser Gegend.

Eine stilbildende Fraktion sind heute die jungen aufstrebenden Familien. Man braucht nur Sommers über den „Helmi“ (Berber-Jargon) zu laufen, schon hat man sich dessen vergewissert und sich gleichzeitig über die neuesten Kinderwagenmodelle informiert. Was die erwähnten Berber betrifft, so waren sie es, die noch vor nicht allzu langer Zeit die Szenerie bestimmten.
Heute scheint es so etwas wie ein unausgesprochenes Arrangement zu geben. Ein bestimmtes Gröhl-Pensum seitens der Obdachlosen wird akzeptiert, wenn es nicht mit allzu aggressiven betrunkenen Verwünschungen einhergeht. Letztere bleiben auch tatsächlich meist aus.
Diejenigen, die aus einer früheren Bohème-Haltung heraus zu einer quasi-bürgerlichen Existenz gefunden haben, wollen sich vielleicht auch nicht nachsagen lassen, Obdachlose zu dissen. Die diesen eingeräumte Narrenfreiheit ist nur eine scheinbare. Sie wird, nonchalant schmunzelnd, unter der Maßgabe gewährt, dass die Gegenseite immer schon weiß, dass sie nicht allzu sehr über die Stränge schlagen kann. Resultat: ein Nebeneinander, das zunächst einmal stabil und nicht allzu aufgeregt ist.
Dies als ein charakteristisches Beispiel für die Balancen zwischen zwei charakteristischen Bevölkerungsgruppen.

Hat die Gegend um den Helmholtz-Platz noch einen gewissen Glamour-Faktor, geht es im zunächst ähnlich arriviert wirkenden Bötzowviertel ruhiger zu. Die Nähe zum Volkspark Friedrichshain ist anscheinend für Familien, die sich aus der so genannten Szene zurückgezogen haben oder nie Teil davon waren, attraktiver. Die angeblich hohe Dichte von Volvo-Kombis auf der Hufelandstraße haben wir nicht noch mal eigens verifiziert. Stimmte das nicht, wäre es zumindest gut ausgedacht.

Das Gleimviertel war lange Zeit weniger beliebt als die vorgenannten Kieze. In puncto Ausgehen und Wohnen ändert sich das derzeit Stück für Stück. Die Kopenhagener Straße etabliert sich derzeit mehr und mehr und läuft der verkehrsträchtigen Gleimstraße etwas den Rang ab. Dieses Viertel steht im Ruf, noch „authentischer“ geblieben zu sein als der Hauptkiez jenseits der Schönhauser. Geht man dort spazieren, weiß man zumindest, was damit gemeint ist.

Die Kastanienallee schließlich als die Ausgeh-Allee schlechthin: Sie war es und ist es, unter teilweise veränderten Vorzeichen. Ja, sie ist ein Laufsteg (bitte niemals das Bonmot „Castingallee“ benutzen; das ist uralt und weist einen unweigerlich als Provinzler aus); besetzte Häuser gibt es jedoch immer noch. Es finden sich teure Klamottenläden in hoher Dichte, ebenso Second-Hand-Läden mit betörendem original Berliner Kellergeruch. Man mag über die Kastanienallee schimpfen und im Detail immer Recht haben. Insbesondere dann an der Oderbergerstraße aber, bei den Platanen am alten Stadtbad, beim Blick auf die Hochbahnbrücke des Bahnhofs Eberswalder Straße, kann man sich der königlichen Anmutung, diesem Ineinander von neu und kaputt nicht entziehen. So bleibt diese Straße auch weiterhin zuvorderst zu nennen, wenn man Berlin besucht.

Prenzlauer Berg: Das ist in erdgeschossige Bürogemeinschaften mit orangeriegroßen Panoramascheiben hineinblicken, dort, wo sich junge Menschen beim Bildschirm-Starren zusehen lassen, mit Headset vor dem Rechner, gebremst animiert telefonierend. Sanft in die Tastatur hackend, bald gemessen-zügig zum Drucker schreitend, bald mit den Bürogenossen oder Kollegen auf der eigenen Bank vor dem Büro sitzend, den ewigen Milchkaffee in der Hand.

Das ist: vor runtergekommenen Fassaden (es gibt sie noch!) französische Touristengruppen beobachten, denen die verschissene Toreinfahrt erklärt wird, während eine verknautschte Gestalt sich da herausschiebt. Deren Verknautschtheit wir beim zweiten Blick nicht mehr ganz trauen, wenn wir das punktgenau verwuschelte Haar bemerken und uns denken, dass der nur so tut, als würde er ganzjährig Trainingsanzug tragen.

Die Avantgarde der Verwuschelten, die straighten Projektwusler; die, die nach 1989 nicht wussten wie ihnen geschieht und die nie mehr Fuß fassten; die, die schon immer hier wohnten und die, die immer noch hier wohnen, obwohl das den eigenen Begriffen nach nicht mehr ihre „hood“ ist: Mit der Heterogenität des Prenzlauer Berges können sich die anderen Berliner Bezirke nur schwerlich messen.



Related Articles

RTEmagicC_Schwarz-Sauer.jpg
LebenMittwoch, 14. Januar 2009, 14:03 Uhr· von: carpeberlin

Prenzlauer Berg - Essen und Trinken

Selbstredend finden sich im Prenzlauer Berg viele originelle Cafés und Bars. Die Straßencafés einmal außen vor gelassen, gruppiert sich das, was von Interesse ist, doch eher um den Helmholtzplatz. Die Cafés direkt am Kollwitzplatz haben mittlerweile einen deutschen Hau ins Ommahafte. Sommers ist das natürlich egal, sitzt man doch eh draußen.

U-Bahnhof Eberswalder Strasse
Architektur, SerienDonnerstag, 21. August 2008, 16:16 Uhr· von: carpeberlin

Audio: Die Schönhauser Allee - mitten im Prenzlauer Berg

Der Prenzlauer Berg, das, was man den „Kiez“ nennt (unter vorläufiger Außerachtlassung vereinzelter Seitenkieze), ist zwischen Prenzlauer- und Schönhauser Allee eingefasst.

RTEmagicC__Duncker_Club.jpg
LebenDienstag, 09. September 2008, 15:28 Uhr· von: carpeberlin

Nachtleben im Prenzlauer Berg

Während das Nachtleben in Mitte in den letzten Jahren tendenziell glamouröser wurde, besticht der Prenzlauer Berg weiterhin mit gediegenem Underground. CarpeBerlin's Guide zu Prenzl'berg by night.

Ein Sommernachtstraum (Foto: Schaubude)
Leben, KulturMittwoch, 19. Mai 2010, 11:00 Uhr· von: CarpeBerlin

Sommernachtstraum der Marionetten

Ein Sommernachtstraum nach William Shakespeare - Marionettentheater für Erwachsene und große Kinder. Hier liebt bekanntlich eine einen, der eine andere liebt, die wiederum einen liebt, der sie auch liebt. Folge den seltsamen Schleifen der Liebe! Am Samstag und Sonntag, 22./23. Mai, 20 Uhr in der Schaubude.

Foto: Janna Skroblin
Leben, KulturDonnerstag, 06. Mai 2010, 10:21 Uhr· von: CarpeBerlin

Paul und Paula – eine Legende

Eine gelungene Interpretation frei nach der »Legende vom Glück ohne Ende« und dem Kultfilm »Die Legende von Paul und Paula« von Ulrich Plenzdorf und Heiner Carow zeigt die Schaubude am 8. und 9. Mai um 20 Uhr. Geboten wird ein anregender, faszinierender Theaterabend mit Puppen und Live-Musik für Erwachsene und Jugendliche.

Jazzdor Festival Flyer
KulturDonnerstag, 27. Mai 2010, 16:02 Uhr· von: CarpeBerlin

Französische Jazzelite im Kesselhaus der Kulturbrauerei

Das 4. Festival Jazzdor Strasbourg-Berlin 2010 vom 2. bis 5. Juni 2010 präsentiert jeweils ab 20 Uhr (5. Juni: ab 18 Uhr) unter der Leitung von Philippe Ochem außergewöhnliche Musiker in entspannter Atmosphäre, in der musikalische Entdeckungen und Begegnungen möglich sind.

Leben, KulturMittwoch, 28. April 2010, 16:52 Uhr· von: CarpeBerlin

Müller und Müller. Legenden vom ICH

Helmut Müller, heute 68 Jahre alt, begibt sich auf die Suche nach seinem Leben. Helmut Müller ist ein Mensch mit Downsyndrom, geboren 1941 und einer der wenigen Überlebenden des Rassenwahns des Nationalsozialismus in Deutschland. Das Ensemble Kalibani im Theater RambaZamba am 29. und 30. April um 19 Uhr.

Foto: Haus der Sinne
KulturFreitag, 30. April 2010, 15:53 Uhr· von: CarpeBerlin

Montagskaraoke im Haus der Sinne

...auch DU kannst es! An jedem 1. Montag im Monat im schluckeligen Haus der Sinne im Prenzlauer Berg. Beginn: 21 Uhr.

Subrot Roy Chowdhury
KulturDonnerstag, 27. Mai 2010, 12:26 Uhr· von: CarpeBerlin

Sitar-Klänge im Haus der Sinne

"Indische Musik besteht aus vielen Improvisationen", sagt Subroto Roy Chowdhury, "doch sie behalten immer das Grundmotiv im Blick." Professor Subroto Roy Chowdhury gilt als einer der progressivsten Sitar-Klassiker des Subkontinents. Er bereichert jahrtausendealte Traditionen und Strukturen des Dhrupad respektvoll mit modernen Formen und Improvisationen. Am Mittwoch, 2. Juni ab 21 Uhr zu Gast im Haus der Sinne.

Alex Arteaga: sururb.wasserspeicher (Foto: Roman März)
Architektur, KulturDonnerstag, 27. Mai 2010, 13:41 Uhr· von: CarpeBerlin

Klangkunst in den Wasserspeichern in Berlin-Prenzlauer Berg

Die /singuhr – hoergalerie/ steht seit über drei Jahren für innovative Kunstprojekte in und um die beiden historischen Wasserspeicher in Berlin Prenzlauer Berg: Kunst für Augen und Ohren, audiovisuelle Installationen, raumbezogene und konzertante Werke, Kunstaktionen im Quartier und Klangkunst im Speicher – die vielfältigen Projekte der Galerie zeigen, wie man mit neuen Tönen und Klängen ein breites Publikum begeistern kann. Vom 2. Juni bis 12. September 2010.