Stadtgeschichte, ArchitekturDienstag, 10. Juni 2008, 16:55 Uhr· von: Giuseppe Profumo

Neukölln: Generelle Einführung

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Das wird spätestens dann sehr interessant für Deutschland: Neuköllns ursprünglicher Charakter ist nicht das Geschenk einer gütigen Fee. Neukölln ist bevölkerungsstark, dicht besiedelt, zu einem runden Drittel mit „Migrationshintergrund“. In etwa gleicht sich das Bild dem in Kreuzberg vor der Maueröffnung an, also kurz davor – dazu später mehr.

Neukölln entstand um Rixdorf herum. Dessen Name kommt von Richardsdorp, um 1360 eine Ausgründung der Tempelhofer Tempelritter, die zuerst am Richardplatz siedelten.
Was von Rixdorf geblieben ist: Die Faßbrause, von Lästermäulern auch gern als Fußbrause tituliert. Den Richardplatz, das ehemalige kulturelle Zentrum des Bezirks, gibt es auch noch, und wie ganz Rixdorf strahlt er in einem wärmeren Teil des Spektrums als der Rest Neuköllns. Ein im Wortsinn böhmisches Dorf, mitten im Arbeiterbezirk, der daraus hervorgegangen ist. Der Platz liegt ruhig zwischen den beiden parallelen Meilen, der Sonnenallee und der Karl-Marx-Straße, wie zwischen Scylla und Charybdis. Die Räudigkeit ihres Lärms aber bricht sich an den Straßenecken und dringt nicht bis hierher vor. Ein Bier aus einem Steinkrug in der Maisonne, jetzt.

Drumrum tummelt sich einiges. Was es hier alles nicht gibt: ein Zoni-Zenter, das haben wir den Neuberlinern gelassen. So was gab es lange vor dem Ansturm global agierender Unternehmen mit der „Passage“ in der Karl-Marx-Strasse. Was nicht vermieden werden konnte: die „Neukölln-Arcaden“, also die auf hiesiges Normalmaß zurechtgestutzte Version der „Potsdamer Platz Arkaden“, die es so oder so ähnlich mittlerweile rund zwanzigmal in der Stadt gibt. Dabei ist die ganze Karl-Marx-Straße ein einziger Basar, und nebenan steht der alte Hertie leer. Braucht also mal wieder keiner, bevölkert wird es doch.
Eine staatstragende Oper haben wir auch nicht, dafür aber: Die Neuköllner, und die zeigt seit bald dreißig Jahren, was man aus diesem dem Proletarier von Geburt an verhaßten Genre machen kann, ohne seinen Geist aufzugeben.

Karl-Marx-Straße und Sonnenallee treffen, aus dem inneren Neukölln kommend, beide am Hermannplatz ein, der genauso Grenz- wie Identifikationspunkt ist. Einerseits speist er die Grenze, den Schützengraben zu Kreuzberg (Kottbusser Damm) und seinen aus hiesiger Sicht überteuerten Dönern. Andererseits ist der Hermannplatz immer noch arbeiterklassenmythisch aufgeladen, auch wenn auf der Neuköllner Seite, also gegenüber des Kaufhauses, eigentlich nur noch Mobiltelefonläden und fragwürdige Kreditinstitute sitzen, eingerahmt von „McDonalds“, einer Apotheke und dem örtlichen Marktführer für Bestattungen. Wer den Kreislauf eines typischen Lohnarbeiterlebens nachzeichnen will, muß also sonst nirgends mehr hin, wenn er erst einmal hier ist. Vielleicht noch, um der Erfahrung mit der Staatsmacht willen, in den Volkspark Hasenheide, der Neuköllner Entsprechung des Görlitzer Parks. Neben dem legalen Volksamusement, also Kneipe, Minigolf und, ganz wichtig, Hundewiese, gibt es an bestimmten Stellen auch Marihuana zu kaufen, wovon wir dringendst abraten. Nicht nur ist dieses Heidekraut von sagenhaft schlechter Qualität und ebenso hoffnungslos überteuert, man kann sich mit dem Kauf auch den gesamten Aufenthalt hier vermiesen. Obwohl nämlich die Berliner Polizei im Vergleich zum Bundesdurchschnitt eher milde auf Raucher reagiert, findet sie den Drogenhandel gar nicht dufte.

Noch eine Meile gibt es. Die Hermannstraße führt vom Platz aus direkt nach Süden, und so, wie die Sonnenallee eher arabisch geprägt ist (im Gegensatz zur mehr türkisch kolorierten Karl-Marx-Straße), herrscht hier am deutlichsten die deutsche Art vor. Das ist nicht immer von Vorteil, denn der beste Kumpel der Menschen hier heißt oft Frust.

Dennoch finden sich Paradiese im Grau. Der Topographie nach immer noch eine Kiesgrube, findet sich beispielsweise zwischen Schierker- und Jonasstraße der Körnerpark, ein luftiges neobarockes Kleinod mit Märchenbrunnen und Orangerie, das längst nicht nur bei Neuköllnern beliebt ist. Sommers wie winters wird das Feld auch mit vielen kulturellen Veranstaltungen angemessen bespielt.

Die Stadtentwicklung läßt sich an verschiedenen Beispielen ablesen. Immer von der speziellen Bevölkerung des Bezirks angeleitet, haben berühmte Architekten Siedlungen für Arbeiter gebaut. Bruno Taut und Martin Wagner betätigten sich in der Weimarer Republik als Pioniere des sozialen Wohnungsbaus. Die Hufeisensiedlung in Britz, ein schlichtes und im bezahlbaren Rahmen doch spannungsreiches Zeugnis der bürgerlichen Zwanziger Jahre, bietet ein lebendiges Beispiel dafür, wie es gelingen kann – tausend Wohnungen sind in sieben Jahren entstanden und werden auch heute noch gern bewohnt, auch wenn sie typischerweise sehr klein sind.

Ein paar Steinwürfe entfernt sieht die Sache leider anders aus. Rund vierzig Jahre nach Taut wurden Entwürfe des Berliner Lieblingsarchitekten Walter Gropius, nun ja, man kann sagen: Ausgeführt. Besser aber: Gerichtet und vollstreckt. „Licht, Luft und Sonne“ sollten getreu der Charta von Athen einkehren – verkörpert durch erstens die Abrißbirne, zweitens durch Kräne, die Häuser aus Beton hochzogen.

Vom brandenburgischen Acker aus betrachtet wirkt die Trabantensiedlung am Rande der Stadt wie ein eindrucksvoll wucherndes, giftiges Gewächs, ein steinerner Vorzeigegarten des Kapitalismus. Und das liegt einmal mehr am Mauerbau, denn die Grundplatte, auf der die Siedlung montiert werden sollte, schrumpfte im August 1961 empfindlich. Teilweise sind die Gebäude sechsmal höher als geplant und leiden unter den gleichen Krankheiten wie in Köln das Colonia-Hochhaus: Anonymität gepaart mit zu hoher Wohndichte, das Fehlen eines Kiez-Gefühls, zu wenig Grün: All das addierte sich zu Angst und Aggressivität. Zur Bauzeit waren diese Schwierigkeiten wahrscheinlich genauso ungeahnt wie unbekannt – Gropius starb sechs Jahre vor Fertigstellung und hatte sich das alles ganz anders vorgestellt. Kurz: Es ging alles schief, das Kind war tot geboren und fing nach kurzer Zeit an zu faulen. Wer wissen will, wie es im Sozialverhau weiterging, dem sei als weiterführende Lektüre anempfohlen: "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“.

Neukölln kann aber auch anders. Gerade in Richtung Stadtzentrum, zwischen Sonnenallee und Landwehrkanal, hat sich seit 2006 so einiges getan, vielleicht sogar schon etabliert. So genau weiß man das jetzt noch nicht, aber es hält sich schon eine Weile, länger als zuerst gedacht, und es scheint sich nicht zu verflüchtigen, sondern zu verfestigen. Ein Gespenst geht um in Nordneukölln – das kleine Gespenst des Anschlusses an Kreuzberg. Es klimpert mit dem Schlüsselbund. Es will hier rein. Es ist schon da. Unterstützt wird es von Kreuzberger Gastronomen, die auf der ehemals geschmähten, „falschen“ Seite des Kanals ideale Refugien für Filialen ihrer Kneipen gefunden haben, bekämpft und doch gespeist wird es von den hiesigen Pionieren der neuen Kulturoffensive, die sagen, das hier, diese Entwicklung, dieser Aufbruch, sei etwas ganz Eigenständiges. Festhalten läßt sich unter dem Strich, daß es besser ist als vorher, daß hier Gesichtslosigkeit ausgetauscht wird gegen neue Identität, Bräsigkeit gegen Charme, Gewurstel gegen Gewerbe. Neukölln kommt, endlich, es steht kurz vor dem Sprung. Für seine Verhältnisse wirkt es erstaunlich ausgeschlafen, aufgeräumt, planvoll.

Angefangen hat es mit einem kleinen Zeitversatz zu der im angrenzenden Kreuzberg beobachteten Gentrifizierung. Als der niedere Geldadel von außerhalb dort hinzog und die niedlichen Mieten bestaunte (um sie mehr im Vorbeigehen aufzublasen), war es für die, die innerhalb von Kreuzberg umziehen wollten, auf einmal vorbei mit der ruhigen Kugel. Das für sie Typische (zum Beispiel des Wrangelkiezes) wird von den „Neuen“ dort beiläufig mehr und mehr an den Rand gewohnt, in Nischen verbannt, bald kommt ein Käfig drum oder ein Grünstreifen, Schilder vielleicht mit freundlich gemeinten Warnhinweisen. Wer sich dort nicht mehr halten kann, wagt einen Blick, dann einen Schritt über den Kanal nach Süden, und sieht, daß es im schon immer so genannten „gefühlten Kreuzberg“ gar nicht so schlimm ist wie gedacht. Im Gegenteil: Die Substanz ist in Ordnung, gottlob nicht geleckt, ein idealer neuer Lebensraum für Ex-Kreuzberger. Die alte Einteilung in rive gauche und rive droite verliert ihre Berechtigung, mittlerweile auch ihre Bedeutung: Was aus Kreuzberg hinausgedrängt wurde, schwappte über die Brücken des Kanals und fließt jetzt stetig durch den Reuterkiez, der befreit aufatmet und sich zu räkeln beginnt. Er leidet auch nicht unter seinem neuen Namen Kreuzkölln, der sich bald erledigt haben wird, sollte es wirklich so kommen, wie hier alle hoffen. Zur Zeit ist die Geschwindigkeit der Erschließung erstaunlich. Woanders in der Stadt schaut man auf, wenn ein neuer Laden aufmacht – hier ist man schon beinahe enttäuscht, wenn immer noch kein Milchkaffeegeruch aus jedem Eckhaus mit ehemaligem Ladengeschäft kommt – aber keine Sorge, bald ist bis zur Weserstraße nichts mehr frei, und dann nimmt die Entwicklung auch weiter südlich ihren Lauf. Wenn alles gutgeht, bleiben uns die Freaks erhalten und bruddeln uns an, anstatt uns willkommen zu heißen. So hat der selbsterklärte Kiezheilige Kurt Krömer , unsere schöne neue Inge Meysel, hier wiederholt bewiesen, was alle guten Rixdorfer immer schon wußten: In Neukölln ist Musike!



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