KulturFreitag, 09. März 2012, 09:07 Uhr· von: Nicolas Flessa

nachtgeschwister

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Am Abend des 8. März feierte eine ganz besondere Produktion ihre Premiere im derzeit akut von der Schließung bedrohten „Theater unterm Dach“: Das Regiedebüt der Gorki-Schauspielerin Anja Schneider basiert auf der Verschränkung zweier Romane – „Nachtgeschwister“ und „Das Provisorium“, zwei Texte, in deren Zentrum die selben Figuren stehen: Jakob Stumm und Hedda Rast, zwei Autoren aus dem Westen und dem Osten der Republik, und ihr Versuch, die Liebe vom Papier zurück ins Leben zu holen.

Und so erschöpft sich das Stück erwartungsgemäß auch nicht in der Liebesgeschichte seiner Protagonisten, die das Programmheft schlicht als „Sie“ und „Er“ benennt, sondern geriert zu einem Schaukasten innerer Verlorenheit, einer metaphorischen wie einer historisch-konkreten. Beiden Liebenden wird die Herkunft zum Verhängnis; ihre Zeit, ihr Grad an Reflexion verhindert den gemeinsamen Schiffbruch trotz der unausweichlichen Leidenschaft nicht. Ist die Liebe tot, wenn sie aufs Papier kommt? Oder nimmt sie von hier aus ihren Anfang, wie Hedda uns glauben lassen will?

Jakobs Leid an der Heimatlosigkeit, die durch den Umzug in den Westen bloß eine äußere Entsprechung gefunden hat, sickert bald auch in den schmalen Schutzraum, den Heddas Arme für ihn zu öffnen scheinen. Dem Arbeiterdichter aus Leipzig, dessen „Liebe wie Luft“ staut und verfliegt, gelingt es auch nach dem vollzogenen Systemwechsel nicht, Licht in sein ungeordnetes Verhältnis zum Leben zu bringen. Das Bühnenbild mit seinen klar abgegrenzten Bewegungsräumen verrät: Auch Hedda bewahrt sich von Anfang an einen Ort, den sie sorgfältig von Jakobs verstörendem Einfluss freihält. Ihre Kapitulation vollzieht die "Vernichterin seiner Literatur", lange bevor sie sich den Armen des Geliebten entzieht, angesichts der eigenen, wachsenden Wortlosigkeit.

Die sprachliche Ausgestaltung dieser sensiblen Inszenierung besorgte die Regisseurin gemeinsam mit der Hauptdarstellerin des Stücks, Daniela Holtz, die dem scheinbar so tragischen Schicksal der ineinander verkeilten Dichter eine heitere, aber glaubhafte Dynamik verleiht. Ein dramaturgischer Glücksgriff ist zweifellos die Besetzung von Jakobs Alter Ego durch den Musiker und Schauspiel-Laien Gerd Diener; er rundet die Figur des von Stefan Schießleder verkörperten Jakobs ab und ergänzt dessen zuweilen manierliches Spiel durch eine hintergründige Harmlosigkeit.

Wann?

9.3., 10.3., 24.3., 25.3., 29.3., 30.3., 14.5., 15.4., 19.4., 20.4.

jeweils 20:00 Uhr

Wo?

Theater unterm Dach, Danziger Straße 101 (Haus 103), 10405 Berlin

Wie?

Abendkasse ab 19.00 Uhr, Tel. 030 - 9 02 95 38 20

Kartenvorbestellungen: Tel. 030 - 9 02 95 38 17

Wieviel?

8,00 € (5,00 €  ermäßigt für Studenten, Azubis, Arbeitslose; 2,50 €  Schülersonderticket mit Schülerausweis I)



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