KulturMittwoch, 20. Juni 2012, 22:20 Uhr· von: Nicolas Flessa

Mit Musik kann man betrügen, mit Texten nicht

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Kent – 30 Jahre nach Veröffentlichung Deiner ersten Platte bist Du im französischen Musikbusiness ein alter Hase. Hand aufs Herz: Was hast Du Dir als blutjunger Anfänger anders vorgestellt?

Diese Frage kann ich schwer beantworten. Denn nicht nur meine Träume haben sich geändert, auch das Musikbusiness. Als ich anfing, Musik zu machen, hatte Musik eine enorme Bedeutung. Weil sie uns zusammenbrachte. Einer von uns kaufte eine Platte, die neu rausgekommen war, und man hörte sie zu zehnt oder zu fünfzehnt immer und immer wieder im selben Raum. Das hat sich natürlich sehr verändert. Musik ist heute einfach ein anderes Spielzeug, sie besitzt nicht mehr die Bedeutung, die sie in meiner Jugend hatte. Heute hört man Musik, wie man… Weißt Du was? Ich habe immer weniger Antworten für Fragen. Als ich hier auf Dich wartete, dachte ich darüber nach, dass ich immer mehr Zweifel habe an meinen Antworten und dass ich nicht mehr genau sagen kann, was ich von mir, meinem Leben oder dem Leben an sich halten soll.

Sehr sokratisch: Ich weiß, dass ich nichts weiß!

Genau. Ich kann nur noch beobachten. Ich weiß nicht, ob es gut oder schlecht ist, aber mein Sohn hat Trompete gespielt, seit er 6 war, jetzt langweilt es ihn. Vor vier Jahren verliebte er sich in ACDC und fragte mich: Wow, Papa, kennst Du ACDC? Und jetzt hört er nur noch Hip Hop. Ich mag kein Hip Hop, ich mag kein ACDC, für mich ist das Teenager-Musik, aber deswegen kann ich nicht sagen, dass das Mist ist. Als ich jünger war, habe ich meinen eigenen Mist gehört. Auch, wenn ich meine eigenen Platten ansehe, kann ich häufig nur lächeln – wenn ich in einer guten Laune bin. Manchmal weine ich auch einfach über die Sachen, die nicht besonders geglückt sind. Heute versuche ich wirklich, mein Bestes zu geben. Vielleicht war es damals auch mein Bestes, aber auf einem anderen Level. Ich hatte damals keine Zweifel, ich war mir sicher, ein Rock n Roll Star zu sein, Recht zu haben. So fühlt es sich nicht mehr an heutzutage.

Wie wichtig sind Texte, heute wie damals, in der frankophonen Musik?

Texte waren schon immer sehr bedeutend in Frankreich – allein schon wegen unserer literarischen Tradition: Moliere, Voltaire, François Villon, danach Brassens, Trenet und andere Sänger. In den frühen 70ern gab es eine Mode der poltischen Lieder, Léo Ferré, Jacques Brel, gleichzeitig gab es auch schwere und langweilige Lieder, die nicht so talentiert waren und den Stil Brels nur kopierten. Das war die Zeit der Wiederkehr des Rock n Roll. In Frankreich war ich einer dieser Barbaren. Wir sagten „Fuck“ zu den Texten, „Fuck“ zum politischen Lied, dem „chanson rive gauche“. Doch mein Englisch war zu schlecht, um darin Songs zu schreiben, also schrieb ich auf Französisch, aber in einer Alltagssprache, einfach das, was ich sagen wollte. Ich muss in die Fabrik, ich habe mir eine Gitarre gekauft, ich habe mich in das Mädchen aus der FNAC verliebt, solche Sachen. Als die Platte erschien, waren die Kritiker plötzlich begeistert. Was für gute Texte, lobten sie, ein ganz neuer Zugang zu Texten!

Das war dein eigener Hip Hop, Dein eigenes ACDC.

Genau. Das ist auch der Grund, warum ich heute nichts gegen Hip Hop sagen kann. Wir waren da keine Ausnahme, es war eine Explosion an Bands in Frankreich, die die gleichen Geschichten erzählten wie wir. Nach und nach begann ich mich jedoch immer mehr für das Schreiben zu interessieren. Ein paar Jahre später gab es eine neue Welle des „chanson française“. Das war, als sich Starshooter, meine Band, trennte – und plötzlich war ich mitten auf dieser neuen Welle. Wir hatten einfach Lust, unseren Zuhörern Geschichten zu erzählen.

Was mich zu der nächsten Frage bringt: Du schreibst ja nicht nur Songs, sondern auch Bücher, Romane. Gibt es Geschichten, für die Du Stille brauchst, und solche, die natürlicherweise nach einer Melodie verlangen?

So ist das nicht, zumindest nicht bei mir. Es gibt Ideen, die mit wenigen Worten ausgedrückt werden können, in drei Minuten. Andere Geschichten brauchen viel mehr Zeit, mehr Tiefe. Ein Song kommt manchmal wie eine Eingebung. Du muss nur noch die Verbindung herstellen zu der Idee, die da gerade in der Luft hängt. In zehn oder zwanzig Minuten hast Du dann den ersten Entwurf.

Welches Schreiben macht Dir mehr Spaß?

(Er lacht) Am meisten macht es mir Spaß, wenn ich den Song oder den Roman fertig gestellt habe – und bevor ich die ersten Worte setze. Schreiben ist ein großer Leidensprozess.

Ich möchte heute nicht nur über Kent, den Künstler, sondern auch über Kent, den Teilzeitberliner sprechen. Was verbindest Du mit dieser Stadt?

Als ich einmal auf der Insel Réunion war, traf ich dort bei Freunden einen Mann, der ebenso wie ich aus Lyon stammte. In dem gleichen Augenblick, da wir uns vorgestellt wurden und uns die Hände schüttelten, wusste ich: Das ist ein Freund. Genauso erging es mir mit Berlin. Vielleicht könnte ich es auch mit einer Liebesgeschichte vergleichen, aber ich habe mich seit Jahren nicht mehr verliebt und ich weiß nicht mehr genau, wie sich das anfühlt... (Er lacht) Vielleicht gibt es auch einfach weniger Eifersucht zwischen mir und Berlin als in einer Affäre... Nach Berlin kommen, ist ein bisschen wie nach Hause kommen. Ich kann mich fallen lassen, fühle mich entspannt.

Auf Deinem letzten Album „Panorama“, das 2009 erschienen ist, gibt es viele Gastauftritte. Beim Konzert im Corbo diese Woche bist Du auch öfters im Duett zu hören gewesen. Kann man in Zukunft häufiger mit solchen gemeinsamen Projekten rechnen?

Es ist wie ganz am Anfang, als ich noch mit meiner Band gespielt habe. Musik besteht aus dem Zusammenwirken und Teilen. Zum einen macht es mir Freude, zum anderen lerne ich immer etwas dabei. Durch die gemeinsame Interpretation eines Songs muss man zum Beispiel neue Harmonien suchen. Als Corinne Douarre mit mir einen meiner Songs gesungen hat, musste sie das mit einer anderen Stimmlage als gewöhnlich machen. Bei den Vorbereitungen sagte sie zu mir: „Ach, so klingt meine Bruststimme –  die kenne ich ja gar nicht!“ Mir geht es genauso. Wenn ich ihren Song „Ich werde älter“ singe, muss ich in diesen Song eintauchen, ich darf ihn nicht vergewaltigen. Ich muss mich in dieselbe Stimmung oder Haltung wie Corinne begeben, das ist fast wie bei einem Schauspieler. Die schönste Erfahrung in dieser Richtung waren meine Auftritte mit Enzo Enzo. Wir sangen jeden Song gemeinsam. Dadurch mussten wir eine Menge gemeinsamer Harmonien entwickeln. Wir sind so unterschiedlich. Ich bin sehr energetisch, ein typischer Kerl, und sie ist ungemein zart. Wir müssten diese Show zusammen machen, denn sie wollte etwas von meiner Energie, und ich lernte von ihr Zärtlichkeit. So wie ich jetzt „Juste Quelqu'un De Bien“ singe, das hätte ich vorher nicht geschafft. Das verdanke ich ihr.

Du hast gestern auf der Bühne nicht nur das deutsche Lied von Corinne Douarre gesungen, sondern auch „Alle vier Minuten“ von Element of Crime. Außerdem waren all Deine Moderationen auf Deutsch. Was für ein Verhältnis hast Du zur deutschen Sprache und wie kommt es dazu?

Ich hatte Deutsch als erste Fremdsprache in der Schule. Aber ich hasste meinen Lehrer und dieses Gefühl beruhte durchaus auf Gegenseitigkeit. Nach der Schule habe ich alles vergessen, wirklich alles. Ich hab’s einfach nicht gemocht. Als ich dann aber viele Jahre später die ersten Konzerte in Deutschland gab und Berlin kennen lernte, merkte ich: Es fehlte mir. Da wusste ich, dass ich Deutsch von Neuem lernen muss. Mich interessiert, was ich hier höre, und die Texte von deutschen Bands wie Blumfeld oder Einstürzende Neubauten oder Boris Steinberg machen mich einfach neugierig. Die Leute sagen mir, dass die Texte gut sind, und für mich klingen sie wie „ah-nänä“. (Er lacht). Auf der anderen Seite sind da die Gedichte von Rainer Maria Rilke. Er hat auch französische Gedichte geschrieben, doch irgendwie wirken sie nicht französisch. Es ist nicht dieselbe Weise, einer Idee zu folgen. Das hat mich immer fasziniert. Wir als Künstler haben die Chance, Neues zu kreieren durch das Spiel mit der Sprache, so wie Corinne das tut. Ich werde mein bestes geben, das auch mit dem Deutschen zu machen. Für mich, nicht für das Deutsche... Mich faszinieren zum Beispiel die deutschen Satzkonstruktionen. Sie zu verwenden, ändert Deine Art zu denken. Das interessiert mich.

Berlin ist ja schon einiger Zeit das Mekka der jungen Nachwuchskünstler. Leute, die viele Ideen haben, sich ausdrücken wollen, aber noch keine Erfahrung aufzuweisen haben. Was zieht Dich als etablierten Chansonnier an die Spree?  

Dasselbe. Warum sollte ich jung sein, um das zu tun? Diese Frage stelle ich mir oft. Was ist neu? Etwas Junges oder etwas Neues? Ich weiß, das ist eine grausame Frage. Ich kann sie fühlen. Ich weiß, wie ich selbst war in meiner Jugend. Ich sagte: Alte, haut ab, das ist jetzt mein Platz. Und damals begann das Alter für mich um die 30, und ich bin jetzt 55. Was ist also neu? Frisches Blut oder neue Ideen? Ich komme hierher, um etwas Neues zu probieren. Wenn ich beim Schreiben das Gefühl bekomme, etwas nicht Neues zu schaffen, lasse ich es sein. Wenn ich Songs aufnehme, von denen ich nachher das Gefühl habe, dass sie nichts mit der Welt von heute zu tun haben, kommen sie nicht auf die Platte. Das war das Interessante an dem Konzert mit Marc Haussmann. Es war das erste Mal, dass ich ausschließlich mit einem Pianisten aufgetreten bin. Das ist wie ein Sprung ins Leere. Was wird passieren? Aber auch beim Schreiben neuer Songs versuche ich, Gefühle anders zu behandeln als zuvor, neue Harmonien zu verwenden.

Wirst Du Deine neuen Songs, die Du im Corbo aufgeführt hast und die Deine Zeit in Berlin behandeln, auch auf Platte veröffentlichen, darunter „Pauvre Mais Sexy“ nach dem Spruch von Klaus Wowereit?

Ja! (Er klopft auf Holz.) Ich bin da ein bisschen abergläubig. Ich bereite gerade eine neue Platte vor, aber ich weiß noch nichts Genaues. Diese Platte wird für mich erst dann existieren, wenn ich sie in meinen Händen halte. Eigentlich ist das nicht mal Aberglaube, sondern eher Realismus. Das Musikgeschäft ist so verrückt, dass man nie weiß, ob die nächste Platte noch gewollt wird. Für mich persönlich nimmt die Bedeutung von veröffentlichter Musik sowieso ab. Ich weiß, dass die Leute Musik haben wollen, die sie immerzu hören können. Aber ich als Musiker genieße immer mehr diesen Prozess auf der Bühne, die eigentliche Live-Musik. Das macht mir wirklich Spaß. Ich habe auf meiner Webseite einen Bereich mit Videomitschnitten angelegt, eine Art „intime collection“. Ich hab auch schon ein paar limitierte Auflagen von Live-Konzerten herausgegeben. Für mich ist jedes Konzert aufregender als eine neue CD. Mich langweil ein bisschen die Perfektion von Studioalben. Es ist so einfach geworden, gute Musik zu mischen, selbst mit einem Homecomputer und dem entsprechenden Programm. Manchmal frage ich mich beim Hören neuer Somgs: Wer hat hier das größere Talent, der Typ – oder Apple? Mit Musik kann man betrügen, mit Texten nicht.

Kent, vielen Dank für das Gespräch!

Nähere Informationen zum Leben und zum Werk des Künstlers finden Sie auf seiner Homepage, Hörproben gibts u.a. und auf seiner MySpace-Seite.



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