SerienSonntag, 29. Juni 2008, 12:11 Uhr· von: carpeberlin

KAISERSCHMARRN - die Kolumne "Finale Fußballrealität"

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Immerhin: In einem Interview mit der britischen „Sun“ sagte Lineker gestern, dass die spanische Mannschaft die beste des Turniers sei. Und der Engländer kennt sich aus mit dem spanischen Fußball; er hat schließlich selbst beim FC Barcelona gespielt, wo er auf Luis Aragones traf, der jetzt Trainer der spanischen Nationalmannschaft ist. Und der „Opa mit der Pfeife“ (11 Freunde) hat unterdessen seinen ehemaligen Spieler und „guten Freund“ Lineker zitiert. Nämlich mit dem Satz, dass am Ende immer die Deutschen gewinnen. Aragones ist ein weiser Mann, der sich nicht von den glänzenden Leistungen seiner Mannschaft blenden lässt. Unterdessen macht die spanische Tageszeitung „El Pais“ ihren Internetlesern Mut. Sie stellt das Lob Linekers an die Spanier ganz oben auf die Seite. Darunter erklärt Bodo Illgner, warum der spanische Torhüter Iker Casillas besser ist als Jens Lehmann, und dann wird noch der Einsatz von Michael Ballack beim Finale in Frage gestellt. Die Wade. Es sieht so aus, als machten sich die verspielten Spanier Mut. Denn auch sie wissen, was Aragones weiß. Dass Schönheit kein Erfolgsgarant ist. Und es hat den Anschein, als fühlten sie sich unwohl in ihrer Favoritenrolle, in die sie sich mit ihrem perfekten Kurzpassspiel gegickt haben. Ja, sie sind ein würdiger Finalist, auch wären sie ein würdiger Europameister, weil ihre präzise feingetunte Fußballmaschine durch dieses Turnier geschnurrt ist, wie ein leichter baskischer Bergspezialist auf kleinem Ritzel durch die Pyrenäen. Noch dazu gehören einige Spanier zur Weltklasse: Der offensivstarke Rechtsverteidiger Sergio Ramos, für den Lukas Podolski schon einen Hitzlsperger als Absicherung braucht, um ihn aufzuhalten. Mittelstürmer Fernando Torres, oder die flinken Iniesta und Xavi, und der hochbegabte Fabregas, die gemeinsam das spanische Mittelfeld zu einer Prozession der Ästhetik führen.

Nur Kopfballspielen kann von denen keiner. Und von Iniesta und Xavi ist nicht bekannt, dass sie je eine Mannschaft zum Sieg geführt hätten, wie Ballack und Frings das können. Ihr größter Erfolg bei dieser EURO war das Ausschalten der antiquierten Italiener. Und für die brauchte es ein Elfmeterschießen. Erinnern wir uns: Spanien hat sich in einer Gruppe mit Griechenland, Schweden und Russland an die Spitze gesetzt, von denen sich bei keinem Erfahrung, eine starke Physis, Effizienz, mannschaftliche Geschlossenheit und taktisches Verständnis so paaren, wie bei den Deutschen. Für Fußballromantiker sind das Werte, die nicht zählen. In Endspielen entscheiden sie häufiger über den Sieger, als andere Leistungen. Gary Lineker weiß das schon seit Jahren.

Olaf Sundermeyer durfte für RUND über Fußball schreiben. Ansonsten kommt das Thema für einen Dortmunder in Berlin viel zu kurz. Hier verkommt Fußball zur Kür. Als Pflicht schreibt er Reportagen für die F.A.Z., denn wer kann vom Fußball schon leben?