SerienFreitag, 27. Juni 2008, 14:40 Uhr· von: carpeberlin

KAISERSCHMARRN - die Kolumne "Der Polstergeist"

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Das Eröffnungsspiel im umgebauten Wiener Praterstadion, das heute unter dem Namen Ernst-Happel-Stadion Austragungsort des EM-Finales ist, endete für die deutsche Mannschaft in einem Desaster. Am 29. Oktober 1986, auf den Tag genau vier Monate nach dem verlorenen WM-Endspiel von Mexico-City, demütigte das österreichische Team den Vizeweltmeister regelrecht.
Nach der Rumpel-WM begann Teamchef Franz Beckenbauer mit dem behutsamen Neuaufbau der Mannschaft im Hinblick auf die kommende Europameisterschaft im eigenen Land. Erfahrene Spieler wie Karl-Heinz Rummenigge, Hans-Peter Briegel und Karlheinz Förster hatten ihre Karriere in der Nationalmannschaft beendet. Toni Schumacher war kurz zuvor wegen seines Skandalbuchs „Anpfiff“ ausgemustert worden, so dass erstmals der spätere Pleitier und Dschungelcampbewohner Eike Immel als Stammtorhüter auflief, der zu Saisonbeginn für die Rekordablösesumme eines Torwarts von 2 Millionen DM von Dortmund nach Stuttgart gewechselt war. Im Vergleich zum WM-Endspiel war das deutsche Team auf insgesamt acht Positionen verändert. Zurückgekehrt war der vor dem Turnier aus dem Kader gestrichene Guido Buchwald.
Auch die Mannschaft von Branko Elsner befand sich nach der verpassten WM-Qualifikation im Umbruch. Die Helden von Córdoba wie Bruno Pezzey, Herbert „Schneckerl“ Prohaska und Walter „Schoko“ Schachner waren nicht mehr im Aufgebot. Im Vergleich zur gegenwärtigen Operettenliga war der österreichische Fußball damals jedoch eine europäische Großmacht: Rapid Wien erreichte 1985 das Endspiel im Eurocup der Pokalsieger.
Der entscheidende Mann auf dem Platz an dem herbstlichen Mittwochabend war jedoch kein Spieler, sondern Schiedsrichter Luigi Agnolin. Nach einem umstrittenen Handspiel von Olaf Thon gab der Italiener in der 57. Minute einen Elfmeter, den Toni Polster, Torschützenkönig von Meister Austria Wien, verwandelte. Nachdem der zur Halbzeit eingewechselte Rudi Völler fast im Gegenzug ausgeglichen hatte, entschied Agnolin fünf Minuten später nach einem Zweikampf zwischen Wolfgang Funkel und Polster erneut auf Strafstoss. Dem daraufhin heftig protestierenden Lothar Matthäus zeigte er die Rote Karte – eine für ein Freundschaftsspiel wahrlich ungewöhnliche Strafe. Polster verwandelte auch den zweiten Elfmeter und machte damit seinem Spitznamen „Doppelpack“ einmal mehr Ehre. Doch es sollte noch schlimmer kommen: Innerhalb von weniger als 15 Minuten traf auch Reinhard Kienast, Österreichs Fußballer des Jahres, zwei Mal gegen die konsternierte deutsche Mannschaft. Das Fußballjahr 1986 endete damit für den Vizeweltmeister mit einer Schmach. Besonders ein Spieler wird sie in Erinnerung behalten: Wolfgang Funkel, nach Briegel der Prototyp des rustikalen und technisch limitierten Verteidigers aus den achtziger Jahren, verursachte nicht nur den zweiten Elfmeter und damit die Niederlage. Für ihn war es das zweite und zugleich auch letzte Länderspiel seiner Karriere.
Drei Jahre später gab es an gleicher Stelle eine weitere bittere Niederlage für eine deutsche Mannschaft. Am 15. November 1989 bezwang die Auswahl Österreichs im Praterstadion die DDR mit 3:0. Fast 5.000 DDR-Bürger hatten sich mit ihren Trabis wenige Tage nach der Maueröffnung auf den Weg gemacht, um beim entscheidenden WM-Qualifikationsspiel dabei zu sein. Eine solche Unterstützung, zumal bei einem Auswärtsspiel, hatte die von Ede Geyer trainierte DDR-Auswahl selten. Alle drei Tore, darunter auch ein zweifelhafter Elfmeter vom skandalös schlechten polnischen Schiedsrichter Piotr Werner, schoss Toni Polster. Die DDR hatte damit ihre Chance auf eine zweite WM-Teilnahme nach 1974 verspielt. Thomas Doll, Ulf Kirsten und Matthias Sammer, die damals im Kader standen, sollten sich für die Niederlage später mit der gesamtdeutschen Auswahl revanchieren.
Erinnerungen an die „Schmach von Wien“ werden die deutschen Spieler nicht belasten. Lukas Podolski war 1986 ein und Bastian Schweinsteiger zwei Jahre alte. Mehr Angst sollten wir vor dem Schiedsrichter haben: Der Schwarze Mann, Roberto Rosetti, kommt wieder aus Italien. Aber Per Mertesacker ist nicht Wolfgang Funkel. So viele Fouls wie der Uerdinger Grobmotoriker in einem Spiel beging, sieht man von Mertesacker nicht in einer ganzen Saison.

Andreas Mix lebt im Wedding, ist deshalb aber noch lange kein Hertha-Fan. Lieber spielt er selbst. Ansonsten schreibt der Historiker Hintergründiges, für das Feuilleton der Berliner Zeitung. Auch da gibt es Menschen, die Fußball mögen.