SerienDienstag, 24. Juni 2008, 17:00 Uhr· von: carpeberlin

KAISERSCHMARRN - die Kolumne "Berliner Stadtmeisterschaft"

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Noch steht es zwischen Deutschland und der Türkei unentschieden. Jedenfalls was die Zahl der Fahnen hier im Wedding angeht. Das Ergebnis erstaunt mich sehr. Ich hatte mit einem klaren Sieg der Türken gerechnet. Die Deutschen haben offenbar schon eine gewisse Routine im Bekenntnis zur eigenen Nation entwickelt. Aber ist das Flaggezeigen überhaupt vergleichbar? Jeder aufmerksame Feuilletonleser weiß seit der letzten WM, dass Schwarz-rot-gold auf Backfischbäckchen und Bierbäuchen Ausdruck eines reflexiven Postpatriotismus ist. Natürlich gibt es noch immer notorische Nationalneurotiker, die in jedem Fahnen schwenkenden Deutschen einen marschierenden SA-Mann sehen und nicht erkennen wollen, wie sich der Umgang mit den einst heiligen Symbolen der Nation gewandelt hat. Der Anblick von schwarz-rot-goldenen Afrokrausen, Bikinis und sonstigem Partytand auf der Fanmeile vorm Brandenburger Tor hätte wackeren Nationalisten wie Ernst Moritz Arndt und Friedrich Ludwig Jahn Tränen in die Augen getrieben – aber sicher nicht vor Freude.
Ein derart entspannter, ja nachlässiger Umgang mit Nationalsymbolen wie er jüngst in den Tagesthemen zu beobachten war, ist nicht selbstverständlich. Dass Fußball manchmal mehr als ein Spiel und Partyanlass ist, zeigen besonders junge Nationalstaaten. So verglich der kroatische Trainer Miroslav Blažević bei der EM 1996, ein Jahr nach dem Ende des Unabhängigkeitskampfes seines Landes, Fußball mit Krieg. Was als Motivationshilfe für Mannschaft und Fans gedacht war, wurde zur atmosphärischen Stinkbombe.
Auch der türkische Trainer Fatih Terim beschwört regelmäßig Volk, Ehre und Nation. „Wenn unser Volk auf uns stolz ist, dann sind auch wir stolz auf unser Volk.", verkündete er nach dem Last-Minute-Sieg gegen die Tschechen in der Vorrunde. Im Umgang mit den Nationalsymbolen versteht der als „Imperator“ verehrte Terim keinen Spaß. Die Jagdszenen auf Schweizer Spieler nach dem WM-Qualifikationsspiel 2005 in der „Hölle von Istanbul“ rechtfertigte er damit, dass Fans im Hinspiel in Bern die türkische Nationalhymne ausgepfiffen hätten. Inzwischen gibt sich Terim erstaunlich mild, und auch die Bildzeitung zeigt im Vorfeld des „geilsten Fußballfests aller Zeiten“ ungewohnte Beißhemmungen. Statt der üblichen Häme und plumpen Wortspiele bedankt sich Bild artig bei den Gastarbeitern, „die uns so viel von daheim mitgebracht“ haben (Döner, Gemüsehändler und Gülcan Kamps), und belehrt die Leser, mit welchen Schlachtrufen die Türken ihre Mannschaft anfeuern. Zu groß ist die Angst vor hässlichen Szenen in Partyzonen und Problemkiezen. Zur Erinnerung: Nach einschlägigen Flugblättern des Neonazis Michael Kühnen erforderte das letzte Spiel der beiden Mannschaften in Berlin im Oktober 1983 ein riesiges Polizeiaufgebot.
Dabei ist das beste Rezept gegen weiteres patriotisches Pathos à la Terim oder rechtsradikale Randalierer ganz einfach: Ein unmissverständlicher Sieg. Am besten für die deutsche Mannschaft Auf geht’s Jungs! Und schön brav sein beim Feiern, bitte!

Andreas Mix lebt im Wedding, ist deshalb aber noch lange kein Hertha-Fan. Lieber spielt er selbst. Ansonsten schreibt der Historiker Hintergründiges, für das Feuilleton der Berliner Zeitung. Auch da gibt es Menschen, die Fußball mögen.