SerienDienstag, 10. Februar 2009, 16:26 Uhr· von: Olaf Sundermeyer

Im Notfall Berlin

Von Olaf Sundermeyer


Es gab Zeiten, da hat der Regierende Bürgermeister von Berlin polnischen Medien jegliche Interviews verweigert. Damals gaben die Zwillinge Kaczynski mit ihrer intoleranten Haltung gegenüber Europa den Ton in Warschau an. Inzwischen bemüht sich Polen um Anschluss an Europa, und Klaus Wowereit trifft sich regelmäßig mit seiner Amtskollegin Hannah Gronkiewicz-Waltz, der Stadtpräsidentin von Warschau, Berlins Partnerstadt. Auch, um über das Projekt zu sprechen, mit dem Polen endgültig in Europa ankommen will. Die Fußballeuropameisterschaft 2012.


Die Vorbereitungen für die EM 2012 sind zäh angelaufen, und der eigentliche Partner der Polen, Co-Gastgeber Ukraine, steht auf der Kippe. Das Land ist politisch zerstritten, die Verwaltung praktisch handlungsunfähig, und die Wirtschaft steht vor dem Bankrott. Die russischen Stundungen für die säumigen Gaszahlungen – als Resultat des heftigen Gasstreits in diesem Winter - halten den Alltag aufrecht. Um die EM nicht zu gefährden, ist Deutschland als Ersatzpartner im Gespräch. Für den Fall, dass die Ukraine als Ausrichter ausfällt, könnten die WM-erfahrenen östlichen Metropolen Berlin und Leipzig einspringen.



Diesen Hinweis gab der polnische Fußballverbandspräsident Grzegorz Lato bereits in einem Interview, das im Herbst 2008 für erhebliche Verstimmungen zwischen Warschau und Kiew sorgte. Seither ist dieser Notfallplan nur noch ein Thema hinter verschlossenen Türen. Aber er wird vorangetrieben.


Auch für das polnische Innenministerium, das an der Lösung der Sicherheitsfrage arbeitet, verlaufen die Gespräche mit der Ukraine nicht nach Plan. Beide Länder haben massive Schwierigkeiten mit Hooligans: „Das größte Problem ist die politische Unsicherheit  in der Ukraine. Ein bisschen ist es so, dass wir uns heute mit jemandem unterhalten, und kurze Zeit später jemand anderes zuständig ist, der alles wieder ändert“, sagt der stellvertretende Innenminister, Adam Rapacki. Dagegen läuft der fachliche Austausch mit den westlichen Nachbarn zufrieden stellend: „Wir haben schon immer mit den Deutschen sehr gut zusammen gearbeitet. Bei der Weltmeisterschaft 2006 waren wir mit etlichen polnische Polizisten in Deutschland. Und die für die WM zuständigen Sicherheitsleute waren auch schon mehrfach hier in Polen: Auf diesem Niveau wollen wir auch die EM 2012 organisieren.“



Auch der Austausch mit dem Deutschen Fußballbund (DFB) nimmt zu. Deren Geschäftsführer Wolfgang Niersbach hält sich in der Frage einer möglichen deutschen Beteiligung zwar vornehm zurück, aber er bestätigt Gespräche des DFB-Organisationsexperten Horst R. Schmidt in Warschau.


„Außerhalb der Kameras und der Öffentlichkeit findet viel mehr statt, als wir uns vorstellen können“, heißt es zum Notfallplan in der deutsch-polnischen Handelskammer. Geschäftsführer Lars Bosse sitzt in der Warschauer Altstadt nur ein paar Meter vom Büro des polnischen Fußballverbandes PZPN entfernt. Vorher saß er in Leipzig, wo er sich als Vorsitzender einer Initiative für die Olympiabewerbung der sächsischen Metropole einsetzte. Bosse sagt, dass zwischen Leipzig und seiner Partnerstadt Krakau längst Gespräche laufen, genauso wie zwischen Berlin und Warschau. Für den Fall, dass der EM-Veranstalter (Uefa) der Ukraine das Austragungsrecht entzieht, könne Deutschland jedoch nur Juniorpartner sein.


Wie Wowereit verweist auch der Leipziger Sportbürgermeister Heiko Rosenthal (Die Linke) auf die Entscheidungsgewalt der Uefa. „Wenn aber das Begehren da ist, dass Deutschland ersatzweise einspringt, dann stehen wir als Standort in Leipzig natürlich gern zur Verfügung.“ Wie Berlin, hat auch Leipzig ein - nach Uefa-Maßstäben – hochwertiges Stadion, das seit seinem Bau zur WM 2006 zudem weitgehend leer steht.


Beide Standorte könnten zudem das Verkehrsnetz des polnischen Ausrichters ideal ergänzen. So liegt Leipzig an der Strecke der Spielorte Breslau, Königshütte und Krakau, wo der Grenzverkehr längst fließend läuft. Polen ist seit über einem Jahr Schengen-Land, es gibt keine Personenkontrollen mehr. Zwar fehlen noch einzelne Autobahnteilstücke, wie auch auf der Strecke Berlin – Warschau, aber deren Bau kommt allmählich voran. Autobahnen in die Ukraine gibt es nur auf dem Papier.


Das weiß auch Marcin Herra, Chef des polnischen Organisationskomitees für die EM – und Gesprächspartner des DFB. Er verweist darauf, dass Polen wegen der bestehenden Zweifel längst sechs statt der ursprünglich mit der Ukraine vereinbarten vier Spielorte vorbereitet. Die Ukraiune sollte ihrerseits eigentlich vier Stadien herrichten. Das EU-Mitglied Polen wird laut Herra mit 67 Millionen Euro aus Brüssel unterstützt. Dass die Ukraine kein Mitglied der EU ist, wird zunehmend ein Problem der Uefa. „Aber die Entscheidung über die Austragungsstädte wird ohnehin nur von der Uefa getroffen“.


Dort hat Präsident Michel Platini schon vor Weihnachten verkündet, dass er im Sommer über die Ukraine entscheiden wolle. Das war vor dem Gasstreit mit Russland, und der weiteren Verschärfung der politisch-ökonomischen Krise.


Platini selbst gerät zunehmend unter Druck, wurde er doch zu Beginn des Jahres 2007 auch von den Stimmern aus Osteuropa in sein Amt gewählt. Zum jetzigen Zeitpunkt erscheinen zwei Varianten wahrscheinlich: Entweder Platini degradiert die Ukraine zum Juniorpartner einer polnischen EM 2012, mit den möglichen Spielorten Kiew und Donezk, um sein Gesicht – und das der Ukraine zu wahren. Oder er verlässt sich auf die verbesserte deutsch-polnische Zusammenarbeit, und auf die Bereitschaft in Leipzig und Berlin zu helfen.


Dem Verhältnis von Deutschen und Polen wird die EM 2012 in jedem Fall einen Schub geben. „Seit der WM 2006 schauen die Polen ganz anders auf Deutschland,“ sagt Tomasz Dabrowski, Leiter des Polnischen Kulturinstitutes und einer von 100.000 Polen in Berlin. „Das würde ich mir nun auch von den Deutschen wünschen“.

Olaf Sundermeyer schreibt manchmal Reportagen für die FAZ, macht gelegentlich Fernsehen für den RBB und pendelt dabei zwischen Berlin und Warschau. Im richtigen Leben interessiert sich der gebürtige Fan von Borussia Dortmund für internationale Küche. An dieser Stelle schreibt er manchmal auf, was ihm am Herzen liegt.



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