PolitikDonnerstag, 23. Februar 2012, 15:17 Uhr· von: Nicolas Flessa

Hoffnung auf ein besseres Leben

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Der Saal des Berliner Konzerthauses war vollbesetzt, als 12 Jugendliche unterschiedlicher Herkunft zu den Klängen von Johann Sebastian Bach weiße Kerzen in den Saal trugen, um sie – stellvertretend für die Opfer des Rechtsextremismus in Deutschland – ins Zentrum der Bühne zu stellen. Bundeskanzlerin Angela Merkel nannte in ihrer anschließenden Ansprache die beiden (über die 10 Toten hinausgehenden) Lichter die Kerze der anonymen Opfer und die Kerze der Hoffnung. Letztere war es auch, die die Bühne gemeinsam mit zwei Töchtern von Ermordeten am Ende der Veranstaltung wieder verließ. Als ein symbolischen Hinweis darauf, dass zwar die Mörder, nicht aber ihre mörderischen Ideen in jenem unsäglichen Wohnwagen in der Bach’schen Geburtsstadt Eisenach ein Ende fanden.

Trauerfeiern für die Opfer von Rechtsextremismus haben in Deutschland eine lange Tradition. Der heutigen Feier aber fehlt die bei aller Beklemmung erlösende Erkenntnis, in einer besseren Zeit zu leben. Den zahllosen, aber historischen Opfern der NSDAP stehen 10 Männer gegenüber, deren Lebensläufe mit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte des neuen Deutschland verbunden zu sein schienen: die BRD als Ort der Selbstverwirklichung, zumindest aber als sicher geglaubte Wahlheimat, um durch ehrliche Arbeit zu einem bescheidenen Wohlstand zu gelangen. Den zahllosen Mitläufern und Mittätern des braunen Terrors während der 30er und 40er Jahre stehen drei Menschen gegenüber, die sich selbst zum nationalen Widerstand deklarierten. Und glaubten, mit der wahllosen Ermordung unschuldiger Mitbürger ihrem Staat einen Gefallen zu tun.

Angela Merkel, die in ihrer Rede ausdrücklich um Verzeihung für die Ignoranz der Behörden und die Verschleppung der Sühne durch staatliche Organe bat, wies zurecht darauf hin, dass der Kampf gegen Vorurteile täglich geführt werden müsse. Dass er eben weder eine Sache des Dritten Reichs noch des vergangenen Jahrzehnts sei, sondern eine Angelegenheit gegenwärtiger Elternhäuser,  Nachbarschaften und sozialer Einrichtungen. Mit der heutigen Veranstaltung wurde ein Hoffnung machendes Exempel statuiert: Peinlich wurde darauf geachtet, die Diskriminierung der Morde nicht durch diskriminierendes Gedenken zu verstärken. Im Berliner Konzerthaus wurde ermordeten Menschen und Mitbürgern gedacht, nicht Muslimen oder "Ausländern". So und nicht anders ist auch die Musikauswahl zu verstehen: das neoromantische, orientalisierende Elemente aussparende Andante des türkischen Komponisten Cemal Reşit Rey ebenso wie der konterreligiöse Choral „Imagine“, letzterer arrangiert vom international bekannten Musikproduzenten Mousse T., der 1966 als Mustafa Gündogdu in Hagen auf die Welt kam.

Höhepunkt und Herz der Veranstaltung aber waren zwei Menschen, deren Leben wenig mit Rampenlicht, aber viel mit dem Schmerz des heute betrauerten Verlustes zu tun haben: Ismail Yozgat, dessen Sohn Halit nach den tödlichen Schüssen in seinen Armen gestorben war, und Semiya Şimşek, Tochter des ersten Opfers der Zwickauer Terrorzelle. Yozgat wies die angebotene finanzielle „Wiedergutmachung“ zurück und formulierte stattdessen drei Wünsche: die restlose Aufklärung der Mordserie mit all den beteiligten Hintermännern, die Einrichtung einer Stiftung im Namen der Opfer sowie die Umbenennung der Holländischen Straße in Kassel in "Halitstraße" – zu Ehren seines Sohnes, dessen Leben hier begonnen und geendet hatte. Semiya eröffnete ihre Rede mit einer deutlichen Kritik an den Ermittlungspannen der desorientiert auftretenden Behörden: „Können Sie erahnen, wie es sich für mich als Kind angefühlt hat, neben der Trauer um meinen Vater meine betroffene Mutter unter Verdacht zu sehen?“

Iris Berben, die im Rahmen der Veranstaltung das Gedicht „Entwöhnung“ von Erich Fried vortrug, wird morgen Abend in Hamburg zum wiederholten Male die Lyrik der von den Nazis ermordeten jungen Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger zur Aufführung bringen. Die ungeschliffenen, aber umso eindringlicheren Worte der etwa gleichaltrigen Semiya Şimşek führen vor Augen, wie sich die erschreckende Irrationalität rassistischer Diskriminierung über alle Zeit hinweg wiederholt: „In diesem Land geboren, aufgewachsen und fest verwurzelt habe ich mir über Integration noch nie Gedanken gemacht. Heute stehe ich hier und trauere nicht nur um meinen Vater, sondern quäle mich auch mit der Frage: Bin ich in Deutschland zu Hause? Ja, klar bin ich das. Aber wie soll ich mir dessen noch bewusst sein, wenn es Menschen gibt, die mich hier nicht haben wollen und die zu Mördern werden, nur weil meine Eltern aus einem fremden Land stammen?“

Den braunen Terroristen ist es gelungen, ihr unter dem Vorwand der Heimatliebe den Vater zu nehmen; das Vaterland aber nahmen sie ihr nicht. Und so beschließt die selbstbewusste junge Frau die Veranstaltung mit jenen programmatischen Worten, die man gut und gerne zum Fazit und zum Ausblick dieser bewegenden Veranstaltung erklären möchte: „In unserem Land, in meinem Land, muss sich jeder frei entfalten können, unabhängig von Migrationshintergrund, Hautfarbe, Religion, Geschlecht oder sexueller Orientierung. Lasst uns nicht die Augen verschließen und so tun, als hätten wir dieses Ziel schon erreicht.“

Besser hätte man den Kern dessen, was man von einer säkularen Trauerfeier erwarten kann, nicht benennen können: Hoffnung auf ein besseres Leben vor, nicht nach dem Tod.



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