KulturSonntag, 07. Dezember 2008, 14:40 Uhr· von: Jan Gerrit Strack

Grace Jones – Hurricane: Eine Stil-Ikone verlässt mit neuem Elan das Loft

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Diejenigen die sagen, Grace sei alterslos, möchte ich Lügen strafen, indem sie sich ihren TV-Total-Auftritt anschauen sollten. Da hatte man sehr das Gefühl, dass sich die Dame eigentlich eher selbst zitiert, und das leider sehr schlecht. Grace war Grace, ist Grace, wird es immer bleiben, doch die Power, die sie noch in dem Video zu „Corporate Cannibal“ verkörpert, der dunkle Dämon, wirkt Playback-müde. Und das nach 20 Jahren Urlaub, wie sie selbst sagt. Sowieso spricht Grace viel über Grace, wie es eben einer Pop-Ikone gut zu Gesicht steht. Sie erzählt von Einkäufen im Supermarkt bei Nacht und ihren schlechten Produzenten der letzten zwei Jahrzehnte, erwähnt immer ihren winzigen Auftritt im Falco-Film und über schwatzt über Konzerte, die anscheinend untergegangen sind.

Der Musik der neuen Platte „Hurricane“ bekommt das nicht schlecht. Nach den enttäuschenden spät-achtziger Werken hätte man eine solche Qualität nicht erwarten dürfen. Dass sich die meisten Kritiker allerdings dermaßen überschlagen, ist wohl auf die schiere Freude darüber  zurückzuführen, dass sie wieder da ist. Klar, es ist immer schön,  wenn sich eine der letzten Diven die Ehre gibt und dabei auch noch in der Lage ist, ein überzeugendes Werk abzuliefern. Zumindest „Corporate Cannibal“ versprüht einen Charme, der der „nie weggewesenen“ Grace genauso gut steht wie ihre überdimensionalen Hüte oder die Gesichtsmorphings des gleichnamigen Videos. Einen Charakterkopf kann eben nichts entstellen, nur veredeln. „Hurricane“ ist gut gemachter, sehr gut produzierter Großleinwand-Pop mit allerlei Reggae, 80er und 90er-Jahre- Dynamik. Ein Gastauftritt von Tricky symbolisiert für mich allerdings jenen Effekt, der auch nach dreimaligem Hören nicht abklingen will: Dieses Album wäre für die 90er eine Sensation, en vogue, schick, verstörend, ein Duett mit Trent Reznor eine Frage von Zeit gewesen. Heute, 2008, wirkt es wie eine solide, unpeinliche Rückmeldung eines Stars, der leider nicht mehr in der Lage ist mit dem zu überzeugen, was ihn in den 80ern groß gemacht hat: die perfekte Selbstinszenierung auf der Höhe der Zeit und ihr vielleicht immer ein winziges Stück voraus zu sein.

Das Album sollte man sich trotzdem zulegen, denn eine derartige Leistung vollbringen in ihrer Liga nur wenige. Gelegentlich gelingt es Marianne Faithful, nie gelang es Amanda Lear, Toyah, Blondie oder anderen Ikonen der 80er. Gestandene Frauen mit dem Anspruch etwas Megalomanisches zu sein, verkörpert Grace Jones zu dieser Zeit einsam und allein. Dafür müssen wir danken und ihre Person ehren. Mit dem Kauf dieser CD ist eine Ehrerbietung möglich und sollte, genau wie anstehende Konzerte, wahrgenommen werden. Dass es noch etwas Besseres aus dem Hause Jones geben wird ist unwahrscheinlich, ebenso wie ein zweites „Nightclubbing“ oder „Warm Leatherette“. Die Coverversion, die sie sonst immer als Stilmittel eingesetzt hat, fehlt. Bewundernswert, dass Grace auf ihre eigenen Texte und Kompositionen setzt, bewundernswert wie vieles an dieser Frau. Am Ende steht ein eindrucksvolles Lebenszeichen, dass mit Sicherheit den Weg in jede Jahresbestenliste finden wird. Natürlich wird es dort qualitativ nicht hingehören, ideologisch jedoch bleibt Grace eine potentielle Nummer Eins.