StadtgeschichteSamstag, 24. März 2012, 00:20 Uhr· von: Erik Müller

Frei wie ein Vogel

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Zum Glück hat Ecki gesunde Zähne. „Zahnhygiene ist das A und O, wenn man keine Krankenversicherung hat. Denn wer gesunde Zähne hat, wird seltener krank“, weiß er zu berichten. Deshalb putzt er seine Zähne jeden Abend vor dem Schlafen und benutzt zusätzlich Zahnseide. Wenn er doch mal zum Arzt muss, wird’s schwierig. Dann muss er zu einer Sozialstation, die versucht, einen kostenlosen Arztbesuch zu organisieren. Eckhart Huber, von seinen Freunden „Ecki“ genannt, ist 37 Jahre alt und lebt seit nunmehr drei Jahren ohne Krankenversicherung. Seitdem hat er keine feste Anstellung mehr und lebt von der Hand in den Mund. Harzt 4 bekommt er nicht. Er will es nicht. Er will nicht abhängig sein und hat keine Lust auf „bürokratischen Papierkram“. Zusammen mit seinen Freunden Dietrich „Didi“ und Johannes „Hansi“ lebt er in einer 60 Quadratmeter großen Wohnung in Neukölln. Der Mietvertrag stammt zum Glück aus besseren Zeiten. Sie kostet 240 Euro im Monat. „80 Euro muss jeder für sich aufbringen, das ist zu schaffen“, meint Ecki. Er arbeitet im Laden eines Freundes als Verkäufer, natürlich schwarz. Es ist ein kleines Geschäft mit englischen, schottischen und irischen Spezialitäten.

Didi und Hansi verdienen ihren Lebensunterhalt auf ähnliche Weise. Und jeden Sonntag stehen die drei gemeinsam an ihrem Stand auf dem Flohmarkt und verkaufen Dinge, die sie nicht mehr brauchen. „Irgendwas geht immer“, erzählt Ecki. Anfangs konnter er sich das gar nicht vorstellen, ohne Sozialversicherung und ohne Sozialhilfe zu leben. Aber irgendwann hat er sich daran gewöhnt. Wenn am Ende des Monats mal der Kühlschrank leer und kein Geld mehr da ist, gehen Ecki und seine Freunde eben zur Berliner Tafel und holen sich dort etwas zu Essen. Oder sie holen abgelaufene, aber noch einwandfreie Nahrungsmittel aus der Abstelltonne beim Supermarkt. Das nennt man „Containern“. Wenn die drei doch mal regulär einkaufen, dann müssen sie stets zum Billigsten greifen. Meistens kochen sie einen großen Pott Reis mit Gemüse, der reicht dann für ein paar Tage. Fleisch gibt es nur einmal die Woche. Getrunken wird Wasser aus der Leitung, das ist am billigsten. Eine große Mahlzeit pro Tag muss reichen. Nur das Frühstück darf etwas üppiger ausfallen, es muss ja den ganzen Tag vorhalten. Es gibt Tee, verschiedene Brötchen mit Belag und Eier oder Würstchen mit Senf. Manchmal auch Kaffee, aber eigentlich ist der zu teuer. Geschenke werden grundsätzlich angenommen, egal ob es Werbegeschenke sind oder alte Klamotten von Freunden. „Wenn etwas nicht passt oder nicht gefällt, können wir es immer noch am Flohmarkt verkaufen“, sagt Ecki. Wenn sie Klopapier benötigen, wird es in der Kaufhaustoilette „besorgt“ oder aus alten Zeitungen selbst gemacht.

Ewig so weiterleben möchte Ecki nicht. Noch maximal ein Jahr, dann sei Schluss. Ecki schreibt nämlich einen Roman, auf einer alten Reiseschreibmaschine, die er im Sperrmüll gefunden hat. Sie ist einwandfrei, nur das große „E“ hängt. „E wie Ecki“. Aber da sich Ecki nicht sicher ist, ob sein Roman ein Bestseller wird und ihm das erhoffte „lebenslange Grundeinkommen“ verschafft, hat er noch einen Plan B in der Tasche. Sein Freund mit dem englischen Laden möchte nächstes Jahr weg aus Berlin. Ecki, Didi und Hansi möchten das Geschäft übernehmen. Aber dann ist es vorbei mit der Freiheit. Dann brauchen sie eine Gewerbeanmeldung und müssen Steuern bezahlen. „Bürokratischer Papierkram halt“.



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