Stadtgeschichte, ArchitekturFreitag, 11. März 2011, 15:49 Uhr· von: Erik Müller

Die Künstler sind an allem schuld

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Die Gentrifikation in den angesagten Metropolen dieser Welt schreitet scheinbar unaufhörlich voran. Nicht nur in Berlin werden ehemalige Armenviertel durch die alternative und kreative Szene aufgewertet und einige Zeit später dann von einer wohlhabenden Klientel „übernommen“.

Unter Fachleuten ist nach wievor umstritten, ob es sich dabei um einen nicht zu stoppenden Automatismus handelt oder ob es neben Ursachen auch „Verursacher“ gibt. Manche halten es sogar für möglich, der Gentrifizierung ein Schnippchen zu schlagen und sie zu verhindern.

Zunächst sollte man einen Blick auf die Ursachen und ihre Hintergründe werfen. Der Begriff Gentrifizierung kommt von dem altenglischen Wort „gentry“ für „Edelleute“. Es geht also um eine „Veredelung“ von Stadtteilen, um eine Aufwertung. Dieser „Veredelung“ geht grundsätzlich immer eine „Verelendung“ voraus, manchmal sogar eine „Verslumung“. In einem Armenviertel verfallen die Häuser zusehends, weil niemand, weder der Staat noch private Unternehmen in solchen Stadtteilen investieren möchte. Oft handelt es sich sogar um ehemalige Beamtenviertel, wie z. B. Berlin-Neukölln, die deshalb über schöne Stadthäuser verfügen. Im Zuge der Reduktion des Beamtentums wurden dort schon in den 1960er Jahren schöne Altbauwohngen frei, die entweder unbewohnt blieben oder von Arbeitern übernommen wurden. So wurde aus Neukölln in den darauf folgenden 70ern ein Arbeiter- und Migrantenviertel. Nun ist dieser Stadtteil ein Sonderfall, denn er hatte schon in den 1920er Jahren einen schlechten Ruf und war damals als „Spelunkenviertel“ verschrien.

Tatsache ist, dass Neukölln durch den Verfall in den letzten Jahrzehnten schon seit Mitte der Neunziger für mittellose Künstler und Studenten mit geringem Einkommen zunehmend interessant wurde. Der Prozess verlief jedoch langsam und unauffällig, da sich das Interesse der Immobilienspekulanten ganz auf das „neue Opfer“ Kreuzberg fokussierte. Der Bezirk hatte diesen Begehrlichkeiten lange stand gehalten, geschützt durch die alljährlichen Maikrawalle und einen sehr großen Anteil an türkischen Gastarbeitern und ihren Familien. Doch Anfang der Milleniumsjahre verloren auch diese Faktoren ihre psychologische Schutzfunktion und Kreuzberg erleidet seitdem das gleiche Schicksal wie zuvor der Prenzlauer Berg und davor Charlottenburg.

Nach dem Zuzug junger Kreativer, Studenten und anderer Menschen mit alternativen Lebensentwürfen kommen schon bald die Szenekneipen und Hinterhofprojekte, kleine Independentgalerien und Kunstwerkstätten. Es entsteht eine „Boheme“ und schwupps ist aus dem ehemaligen Armenviertel ein Künstlerviertel entstanden. Jetzt ist ein Punkt erreicht, an dem der entsprechende Stadtteil für die, meist in bürgerlichen Berufen, gut verdienenden Angehörigen der oberen Mittelschicht attraktiv wird. Dadurch steigt die Nachfrage nach „netten“ Wohnungen, mit viel Licht, luxuriösem Badezimmer und "Designerküche". Es schlägt die Stunde der Immobilienhaie und privaten Baufirmen. Und die neue Klientel stellt Ansprüche, der sich auch die Behörden vor Ort nicht entziehen können. So mussten schon zahlreiche Szeneklubs schließen, weil neue Bewohner dagegen geklagt hatten. Daran wäre auch fast das SO36 in Kreuzberg gescheitert.

Die Verdrängung ist jedoch noch viel umfangreicher und schlägt letztendlich wie ein Bumerang erbarmungslos zurück. So werden alteingesessene Familien in periphere Stadtteile vertrieben, weil sie die steigenden Mieten nicht mehr bezahlen können. Die alternativen Kneipen und Werkstätten werden alsbald von Latte Machiato, Sushi und Gucci verdrängt. Dann flüchten auch die Pioniere, die Alternativen und Kreativen, wegen denen die Architekten, Anwälte und Arztgattinnen doch eigentlich erst gekommen sind. Und eines morgens wachen die schicken neuen Bewohner in einem „Künstlerviertel“ ohne Künstler, einem „Szeneviertel“ ohne Szene, auf, umgeben von teuren Handtaschenläden und versnobbten Edelcafes. Das Viertel ist jetzt „edel“, gentry eben.

Schwabing lässt grüßen. Der Münchner Statteil war in den 1920er Jahren eine Hochburg der nationalen und internationalen Boheme und ist dort angekommen, wo er nie hinwollte. Eine Patentlösung, diesen Prozess aufzuhalten gibt es nicht. Aber es gibt Instrumente, die ihn zumindeest stark abschwächen können. So z. B. Mietobergrenzen. In Berlin war dies jahrelang der sogenannte „Millieuschutz“, der jedoch unter dem Druck der Immolbilienwirtschaft aufgegeben wurde. Und staatlicher Wohnungsbau, um preiswerten Wohnraum zu schaffen und dem Mietwucher entgegenzuwirken. Es gibt auch Stadtguerillas, die auf radikale Lösungen setzen. Das absichtliche „Gassiführen“ von Hunden vor vornehmen Wohnanlagen ist dabei noch eine der sanftesten Methoden.

Aber was kann ein Künstler, Student, Alternativer tun, der eine preiswerte Wohnung sucht, aber keine Lust hat in einer Mietskaserne am Stadtrand zu hocken? Erstens einen Kompromiss eingehen: Man suche sich einen Kiez, der vielleicht etwas abseits gelegen ist und dafür noch über genügend unsanierte Häuser verfügt. Zweitens seine Freunde nachholen. Irgendwann kommt dann die erste Szenekneipe und dann hat man mindestens zehn Jahre bis der Fluch beginnt!



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