KulturDonnerstag, 09. Juni 2011, 17:10 Uhr· von: Nicolas Flessa

Die CARPE Filmkritik: Die Einsamkeit der Primzahlen

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Viele Freunde und Bekannte halten es mit dem Filmsehen wie mit ihrer Vorstellung von der Liebe: Fünf bis zehn Minuten – und sie entscheiden, ob es sich um einen guten oder einen schlechten Film, ob es sich um eine interessante oder eine uninteressante Begegnung handelt. Ihr Ansatz ist ein ehrlicher und selbstbewusster: Was soll ich meine Zeit mit etwas verschwenden, von dem abzusehen ist, dass es meine Aufmerksamkeit nicht wert ist?

Ich gestehe offen, dass ich ein Filmzuendegucker bin. Ich bin auch noch nie bei einem Date gegangen, bevor es ein natürliches Ende fand. Mein Ansatz ist der des neugierigen Beobachters: Ich bin gespannt darauf, mich überraschen zu lassen, Unvermutetes aufzuspüren, mich widerlegen zu lassen. Nichts gegen Intuition – aber mein Verstand hat mich schon bei so manchem Menschen oder Kunstwerk hinters Licht geführt.

Eine Vorrede, die nötig war, um vorzubereiten, was ich über diesen Film zu sagen habe. Ja, zu Beginn war ich verwirrt, ich war nicht überzeugt von der Montage, ich hielt das Geschehen auf der Leinwand für „zu viel gewollt“ und zu wenig an den Zuschauer gedacht. Und dann geschah, warum ich auch in Zukunft sitzen bleiben werde, bei Menschen wie bei Filmen: Meine Unverständnis entpuppte sich als Bruch mit meinen Erwartungen, mit meinen Sehgewohnheiten. Dahinter aber lauerte eine Geschichte, die auf mich gewartet hatte: Kino als Jetzt-hab-ich-Dich.

Hielte man sich an die Definition von „Boy meets Girl“, wäre das Werk von Saverio Constanzo durchaus als „Liebesgeschichte“ zu begreifen. Die Liebesgeschichte scheitert jedoch an den Protagonisten selbst: Im Gegensatz zu ihren Mitschülern, ihren Familien, ihren Freunden setzen sie ihre Hoffnungen, so es sie denn gibt, nicht wirklich auf die Liebe. Die Fotografin Alice und den Forscher Mattia verbindet ein Leid, das sie zu Verbündeten macht, keine Leidenschaft. Und eben daraus erwächst am Ende doch eine Liebesgeschichte, die nicht eines einzigen Kusses bedarf.

„Die Einsamkeit der Primzahlen“ ist jedoch weit mehr als eine Liebesgeschichte. Es ist ein Porträt der Kindheit, der Ohnmacht und der Sehnsüchte von Menschen, die von Anderen, nur weil sie älter sind, in ebenso grausamer wie hilfloser Unachtsamkeit seelisch verstümmelt werden. Hierbei geht es nicht um Schuld: Constanzo beobachtet, ohne zu werten, und hier liegt ein großer Reiz und vielleicht die Heftigkeit dieses Films verborgen: Der Zuschauer wird Zeuge einer Gefühlsdichte, die er zuletzt in seiner eigenen Kindheit erlebt, aber längst hinter sich gelassen hat. Plötzlich ist alles wieder da, das Ausgeliefertsein, das Nichtverstehen, die Konsequenzvergessenheit einer Zeit, die nur scheinbar etwas mit Unschuld im moralischen Sinne zu tun hat.

Grundlage dieses aufreibenden Films ist das Erstlingswerk des Physikers Paolo Giordano, das innerhalb weniger Wochen zum meistverkauften Roman des Landes aufstieg und mit dem renommiertesten Literaturpreis Italiens ausgezeichnet wurde. Es hat dem Film spürbar gut getan, dass seine Übersetzung in ein Drehbuch von dem Autor und dem Regisseur gemeinsam erarbeitet wurde. So war etwas möglich, das am Anfang befremdet und spätestens nach den ersten 20 Minuten zu fesseln beginnt: literarische Eindringlichkeit, die sich mit filmischer Unmittelbarkeit zu einem neuen Genre vereint. Das nackte Spiel Alba Rohrwachers in der Figur der Alice verrät, weshalb die Tochter eines Deutschen und einer Italienerin längst als Shootingstar des europäischen Kinos gilt; ebenso wie ihr Filmpartner Luca Marinelli versteht sie es, die Brüche wie die Kontinuität des Schmerzes in einem jungen Leben so transparent zu machen, dass man sich selbst von den eigenen Erfahrungen hinters Licht geführt fühlt.

Unsere Einsamkeit endet nicht mit der Berührung. Am Ende ist sie vielleicht sogar so etwas wie Hoffnung, die uns zum Lieben erst fähig macht.

 

Die Einsamkeit der Primzahlen (Homepage | Trailer)

Regie: Saverio Constanzo; Kamera: Fabio Cianchetti

mit Alba Rohrwacher, Luca Marinelli, Isabella Rossellini

Drama - Italien/Frankreich/Deutschland 2010

119 Min. - Verleih: NFP