ArchitekturDonnerstag, 26. Mai 2011, 11:07 Uhr· von: Nicolas Flessa

Das Schlossgespenst vom Audimax

Article_schlossgespenst_kl

So richtig aufregend wurde die Präsentation des Humboldtforums im Berliner Audimax erst, als ein junger Mann mit Breze durch die Reihen schritt - um laut seinen Unmut über die "feudale Scheiße" kundzutun, die man im Begriffe sei, ins Herz von Berlin zu platzieren. Laute Buhrufe von Seiten des Publikums und ein beherztes Übergehen des Zwischenrufers von Seiten der Veranstalter - Mikrophone machens möglich - konnten doch nicht verhindern, dass die Frage des jungen Mannes wie ein ungeliebtes Insekt im Raume schweben blieb, auch lange nach seiner Abführung ins festlich geschmückte Foyer. Denn trotz des öffentlichen Charakters des Humboldtforums wurde klar: Im Publikum, dessen Altersdurchschnitt knapp über 50 liegen dürfte, hatten sich vor allem Fans der feudalen Scheiße versammelt, um sich zu versichern, dass nicht zu viel zeitgenössischer Schnickschnack in den 550 Millonen teuren Barockbau Einzug halten werde.

Dass die Erläuterungen Franco Stellas, die der Italiener seinen Zuhörern zuliebe in Deutsch formulierte, nicht immer hilfreich waren, Kritiker von dem Projekt zu überzeugen, unterstreicht, dass mit kritischem Bewusstsein an diesem Abend auch gar nicht gerechnet wurde. Munter wurden Folien von Grundrissen und Fassadenaufsichten und Fotomontagen aneinandergereiht, deren Informationsgehalt die regelmäßigen Publikationen der Schlossfreunde und Artikel in den lokalen Medien kaum überstieg. Der Parteitagscharakter der Versammlung hatte freilich nicht nur formale, sondern auch inhaltliche Gründe: In der Broschüre, die im Foyer erhältlich war, begründete man den barocken Bau u.a. mit der Bedeutung des "Musée du quai Branly" für das Pariser Kulturleben, das nicht nur die Hälfte an Kosten verschlungen hatte, sondern mit seiner ausgesprochen zeitgenössischen Form die Gegenüberstellung für die Berliner eher unvorteilhaft wirken ließ. Im Kapitel "Fremde Kunst und fremde Kulturen als Inspirationsquelle für Europas Moderne" erfuhr man ebenfalls vom Zusammenhang moderner Ausdrucksformen und außereuropäischer Kunstwerke - von der offensichtlich nachträglich mit Sinn gefüllten Schlüterhülle hingegen schweigt das Werk an dieser Stelle.

So bleibt von diesem Abend vor allem ein bitter Nachgeschmack im Munde des Architekturfreundes haften: einem Projekt, das durch und durch von Widersprüchen formaler wie inhaltlicher Gestalt durchzogen ist, gelingt es nicht, diese Widersprüche offen einzugestehen, zu diskutieren und zur Grundlage eines breiten Konsens zu machen. Zu groß scheint die Gefahr, die politisch gewollte Entscheidung in Frage stellen zu müssen – und das ist die eigentliche „feudale Scheiße“ dieser Veranstaltung. Nicht das Volk, sondern ein kleiner Kreis von Bildungsbürgern sieht sich als Hüter einer architektonischen Verantwortung ersten Ranges. Hier liegt der eigentliche Skandal: Fragen wie nach der zentralen Anordnung eines einst asymmetrischen Eingangs, dem Zierrat der Kuppel und des Schlüter‘schen Eckkonflikts im Übergang zum Apothekerhof offenbaren zwar große Fachkenntnis, aber mangelnde Selbstreflektion und ein fehlendes Gespür für die Bedürfnisse einer demokratischen Gesellschaft. Nicht das Schloss ist das Problem, sondern die Schlossbauer und die, die gerne welche wären.



Related Articles

Die Hand am Abzug?
PolitikFreitag, 20. September 2013, 15:18 Uhr· von: Nicolas Flessa

Versenken Sie Ihre Stimme!

Politikverdrossenheit, Wahlmüdigkeit? Fallen Sie nicht auf uns Journalisten herein! Widerstand ist möglich - gegen alle Prognosen und Neurosen. Ein intimer Aufruf, von seiner Stimme Gebrauch zu machen.