SerienFreitag, 30. Januar 2009, 14:25 Uhr· von: Berlin-Kompressor

Bier und Fußball

von Olaf Sundermeyer

Von Berlin aus muss einer weit blicken, bis zu einem urbanen Lebensraum, der dem kulturell engagierten Europäer nur annähernd so überzeugt wie diese Stadt: Mindestens bis London, Rom oder Moskau, also weit jenseits des 1000-Kilometer-Radius. Aber warum um alles in der Welt, schmeckt das Berliner Bier nicht (außer natürlich das aus Bremen, dem Sauerland oder am besten: Das aus Tschechien importierte), und warum ist der Berliner Fußball so abstoßend, beziehungsweise kein Thema für die gesellschaftliche Mitte? Gehören Bier und Fußball denn etwa nicht zur Kultur? Wohl doch – und zur deutschen insbesondere. Da stellt sich einmal mehr, diesmal im negativen Sinne, die Frage: Ist Berlin etwa nicht Deutschland? Zum Fußball später, aber wer schon mal ein Schultheiß getrunken hat, findet schnell die Antwort: Nein!

Denn die Plörre schmeckt auch vom Fass noch nach Dose und es hat den Anschein, dass sie ohnehin nur von diesen B.Z.-Lesern getrunken wird, die eh nichts mehr merken: Egal ob das Bier kalt ist oder ob es als unhaltbare Pisse allmählich an dem Bein mit der Ballonseidehose runter läuft, an dessen unterem Ende ein kleiner vermopster Dackel darauf wartet, nach der Kneipensession endlich wieder einen Reinickendorfer Bürgersteig vollkacken zu können. Ach ja, dann gibt es noch Berliner-Kindl, das eher an bitteren Gallen- denn an herben Gerstensaft erinnert. Und nicht mehr als erträglich ist schließlich das Berliner-Pilsener, ein durchschnittliches Gebräu, das sich mit einer albernen Werbekampagne krampfhaft an die Szene der Partypeople unter den Prenzelwichsern und Friedrichshainis wirft, obwohl – oder gerade weil – die lieber Beck´s (womöglich „Gold“, aber auch das ist besser als jedes Berliner Bier) aus kleinen Flaschen trinken; nicht zuletzt weil es einfach ein leckeres Bier ist. Beim Gang in die Berliner Kneipe ist also Vorsicht geboten. Erst aufs Bierschild der ausgeschenkten Marke achten, dann eintreten! Bei Berliner Bieren am besten gleich weiterziehen. Stattdessen lassen sich dann etwa (für den, der keine Szeneallergie hat) schöne Tage am Oststrand genießen (Biergarten gegenüber dem Ostbahnhof, übrigens gänzlich ohne Bierschild), wo der Gastronom ein Einsehen mit der chillenden Szene hat und eiskaltes – leider überteuertes - „Krusovice“ in Flaschen serviert. Ein spitzenmäßiges Bier aus dem mährischen Hopfengarten! Oder, oder, oder.

Und neben dem lokalen Bier, ist es der lokale Fußball, der abstößt, die allermeisten in der Stadt gar nicht interessiert. Selbst diejenigen nicht, die sich nach einem halben Jahr in Mitte den Titel „Berliner“ geben und durch krampfhafte Sprachreinigung ihre provinzielle Herkunft negieren, aus dem Schwabenland, der Pfalz oder aus der Tiefebene des Emslandes. Geht es um Fußball, sind sie alle auf einmal keine Berliner mehr, sondern Stuttgarter, Kaiserslauterer oder Bremer. Denn Hertha ist uncool, hat weder Charme noch Herz, und die Hooliganclubs Dynamo und Union Berlin schlagen sich durch die Ligen drei bis vier. So ist Berlin wohl die einzige deutsche Bundesligastadt, wo samstags nachmittags in den meisten Kneipen diese bescheuerte „Arena-Konferenz“ übertragen wird, satt das Spiel des heimischen Vereins. Findige Kneipiers zeigen gleich bloß Bremen oder Stuttgart, der Beck´s-Trinker wegen.

Hertha läuft sowieso nur in den Scheißkneipen, wo es Schultheiß gibt oder Kindl – mit ein bisschen Glück Berliner. So liegt der größte Erfolg der Hertha in den vergangenen Jahren nicht im sportlichen Bereich (wie auch?), sondern in einem sagenhaften PR-Coup. Nämlich darin, dass der Schauspieler Christian Ulmen sich in dem Fußballmagazin RUND als Hertha-Fan geoutet hat. Ulmen? Genau, das ist dieser sympathische Mensch, der Becks (!)-saufender Weise den Herrn Lehmann gegeben hat, im gleichnamigen Film vor Kreuzberger Kulisse. „Sensation: Beck´s-Trinker geht zu Hertha“ hätte die B.Z. fett titeln können und so ein paar zusätzliche Schwaben für die Hertha gewinnen können. Aus Rücksicht auf die Schultheißpinkelnde Stammleserschaft aus Reinickendorf blieb diese Schlagzeile leider aus. Und so hat der Springer-Verlag der Hauptstadt die Chance genommen, etwas mehr in Fußball-und-Bier-Deutschland anzukommen.

Olaf Sundermeyer schreibt manchmal Reportagen für die FAZ, macht gelegentlich Fernsehen für den RBB und pendelt dabei zwischen Berlin und Warschau. Im richtigen Leben interessiert sich der gebürtige Fan von Borussia Dortmund für internationale Küche. An dieser Stelle schreibt er manchmal auf, was ihm am Herzen liegt.



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