PolitikMittwoch, 25. März 2009, 03:51 Uhr· von: Nicolas Flessa

Aufgestanden in Ruinen!

Article_ruinenrede

Dabei wäre er in Sachen Finanz und Krise durch und durch qualifiziert, dieser Mann, der einst als Sparkassenpräsident bewitzelt worden ist, als er durch einen Deal der konservativen Mehrheit ins höchste Amt des rot-grünen Staates befördert wurde.

CarpeBerlin will sich der Präsidenten-Schelte nicht anschließen. Ein vor der Crème de la crème der bundesdeutschen Polit- und Wirtschaftsprominenz hervorgebrachtes Bekenntnis, das mit den Worten "Ich will Ihnen eine Geschichte meines Scheiterns berichten" beginnt, verdient einfach unseren Respekt. Statt dessen geben wir an dieser Stelle den Text einer Rede wieder, die er so nie gehalten, sich aber manches Mal vielleicht gedacht hat.

"Meine sehr verehrten Untertaninnen und Untertanen,

ich habe Sie heute in den Ruinen einer Kirche versammelt, um Ihnen vor Augen zu führen, wohin das führen kann mit der Gutgläubigkeit und der Raffgier. So wie die Bomben der Aliierten dieses Haus vor 64 Jahren in Schutt und Asche legten, so legten die aliierten Börsen unsere Wirtschaft vor nicht einmal einem halben Jahr in noch weit teureren Schutt und noch weit gesundheitsschädlichere Asche. 45 Jahre sollten vergehen bis zu den Wiederaufbauplänen für dieses schmucke Stück Klassizismus inmitten des wiedervereinten Berlin. So lange wollen und können wir uns mit dem Wiederaufbau des turbokapitalistischen Systems keine Zeit lassen.

Ja, lachen Sie nur, Herr Westerwelle. Sie haben ja auch gut Grund zu lachen. Zu nennen wären da neben der Unbelehrbarkeit unserer Bevölkerung eigentlich nur noch deren unnachahmliche Vergesslichkeit. Das war nicht immer so, Herr Westerwelle! Wer hätte 1949 bei der ersten freien Wahl und angesichts so schick geschändeter Gemäuer der kriegsverursachenden Partei fast 18 Prozent prognostiziert?! Niemand, der auch nur annähernd bei Trost gewesen wäre!

Und nun? Ja, Herr Lafontaine, weinen Sie sich ruhig aus an der starken Schulter ihres linken Genossen Gysi! Waren Sie nicht eben noch, inmitten der niedrigsten Arbeitslosenquote und der höchsten Wachstumsprognosen nach dem Anschluss der Sie wählenden Neubundesländer die lachenden Gewinner der Umfragetalfahrt ihrer mitregierenden Ex-Genossen? Haben nicht auch Sie sich mit der Rendite verspekuliert, wenn schon nicht an der Börse, so doch im Bundestagspoker um den Gesamterfolg ihrer zweifellos charismatischen Eigenkapitalanlage?

Mein liebes Volk, wer hätte gedacht, dass der in diesen Gemäuern bereits so lebhaft inszenierte Zusammenbruch in unserer Zeit einmal so bunte Blüten treiben würde! Als ich und meine Familie damals aus dem Osten über den Osten in den Westen flohen, war uns allen klar: so etwas würde es mit uns nicht wieder geben! Sie aber, meine lieben Wählerinnen und Wähler, beweisen mit ihrer stoischen Gelassenheit, dass Sie von Ihren ehemaligen Kanzlern eine Menge gelernt haben. Wie anders als durch Aussitzen und die ruhige Hand ist es denn zu erklären, dass in den jetzigen Umfragen die Linke nicht auf 60% und die Grünen nicht auf 30% kommen? 

Wer war es denn, der zuerst von Verstaatlichung sprach? Und von Umweltschutz? Zugegeben, dieser Jargon des 20. Jahrhunderts würde heute keinen einzigen Wähler mehr ins Wahllokal locken. Und so muss es wohl der Verbalkosmetik zu verdanken sein, dass "Rettungsübernahmen" und "Klima"schutz nun als politische Kernziele der Union gelten.

Das, meine verehrte Frau Bundeskanzlerin, ist wahrlich Ihr Meisterstück! Und zu Ihrer und meiner Wiederwahl möchte ich uns schon jetzt im Vorfeld, ganz im Zeichen meiner Zuversicht, persönlich gratulieren. Auch wenn ich als deutscher Bundeskanzler, oder besser gesagt, als deutsches Staatsoberhaupt dazu nach meiner Auffassung nicht die Pflicht habe."



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